Sehr geehrter Herr Präsident Dr. Windhorst,
ich beziehe mich auf die Meldung des Nachrichtendienstes ÄND vom 8. Januar 2010 (Quelle), in der Sie wie folgt (hier auszusgweise) zitiert werden:
„Windhorst: Beschäftigung von Honorarärzten in Kliniken ist problematisch. So lägen die Honorare dieser Ärzte mit Stundenlöhnen bis zu 100 Euro deutlich über denen der Festangestellten. ... Die Honorarärzte kennen zudem die Organisationsabläufe im Krankenhaus nicht so gut, erklärte Windhorst weiter. Das könne zu Kommunikationsproblemen und Missverständnissen führen, "die sogar Patienten gefährden können.“ „... „Daher ist es dringend erforderlich, mehr Studienplätze für Medizin zu schaffen“, fordert er. „Bei allen Problemen zeigt das Phänomen der Honorarärzte jedoch eines deutlich: den wahren Wert ärztlicher Tätigkeit.“
Unabhängig davon, dass mich der Inhalt Ihrer Botschaft sehr an die Kritik von Prof. Lauterbach erinnert, der sogar auf nicht nachvollziehbare Gefahren unangemessen hinweist (Quelle), sind zum Inhalt der Meldung, sofern dieser korrekt wiedergegeben wurde, zwei Punkte korrigierend anzumerken.
Kritik an den Krankenhäusern, die Honorarärzte anstellen Ihre Kritik an den Krankenhäusern, Honorarärzte einzustellen, ist durch nichts gerechtfertigt. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass Ihre Kritik kontraproduktiv ist. Der Mangel an Ärzten in Krankenhäusern ist mittlerweile so hoch, dass eine reguläre Versorgung ohne Honorarärzte nicht mehr möglich würde. Das gilt insbesondere für die operativen Fächer, aber auch für die Anästhesie. Daß die Krankenhäuser Honorarärzte einstellen müssen, ist eine Folge des Ärztemangels, da auf dem regulären Arbeitsmarkt Ärzte zu den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht mehr zu bekommen sind. Die Entscheidungsgremien der Krankenhausleitungen verhalten sich vollkommen rational, wenn sie die entstandenen Lücken durch Honorarärzte schließen: denn würden sie keine Honorarärzte einstellen, wäre nicht nur die medizinische Versorgung inklusive der Notfallversorgung gefährdet, sondern auch das wirtschaftliche Überleben der Häuser selber mit allen Folgen in Gefahr.
Schaffung von mehr Studienplätzen würde das Problem des Ärztemangels lösen Ihre Annahme, daß mehr Studienplätze die Situation auf dem Arbeitsmarkt der Ärzte verbessern könnten ist falsch. Unabhängig davon, daß mehr Studienplätze finanzielle Mehraufwendungen wegen notwendiger Kapazitätserhöhung in der Ausbildung durch die Universitäten bedeuten würden, würden Ihre Maßnahmen frühestens in elf oder zwölf Jahren greifen, da solange die Ausbildung bis zum Facharzt dauert. Betrachtet man sogar noch die Zahl derjenigen heutigen Absolventen, die nicht mehr in der Medizin ankommen, so wird Ihre Vorstellung mehr Mediziner auszubilden, vollkommen ad absurdum geführt.
Die Lösung des Problemes Ärztemangel Die Botschaft ist schlichtweg einfach: Eine angemessene Bezahlung der Ärzte. Sie können an den vorhandenen Stellschrauben Ausbildung, Arbeitszeit, Dienstbelastung … drehen wie sie wollen, es wird sich keine Änderung ergeben, wenn das Problem der Bezahlung nicht geändert wird. Die 100 Euro brutto, die ein Honorararzt verlangt, scheinen derzeit der Marktpreis zu sein. Dieser aus meiner Sicht schon sehr niedrige Preis für einen selbständigen Arzt, wird sich in den nächsten Monaten und Jahren dramatisch erhöhen. Wir erleben hier die klassische ökonomische Überreaktion auf ein jahrelang mißachtetes Problem: die Unterbezahlung von Ärzten. Selbst die Erhöhungen des Tariflohnes über den Marburger Bund in den letzten Jahren reichen offenbar nicht aus, das Problem Ärztemangel zu lösen. Man kann es drehen und wenden wie man will: halten die angehenden Mediziner das auf dem Markt der Krankenhäuser oder in den Niederlassungen erzielbare Einkommen – egal aus welchen berechtigten oder unberechtigten Gründen – für zu niedrig, werden sie in der klinischen Medizin nicht ankommen. Da kann man noch so viele Studienplätze schaffen wie man will – das Ausland wird es freuen.
Gerne können wir eine Wette eingehen: in fünf Jahren ist das Ärztemangelproblem gelöst, denn dann werden solche Löhne gezahlt werden, die den Beruf wieder attraktiv machen. Sie werden allerdings viel höher ausfallen, als man heute glaubt. Denn Mangel produziert in einem Markt immer sehr hohe Preise.
Mit freundlichen Grüßen
Dr.med. Matthias Schreiber
Anmerkung vom 16. Januar 2010: Der Brief blieb leider unbeantwortet.
www.brain2doc.de
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