Brief an den Hausärzteverband 17.12.2009

Betrifft bundesweiten Selektivvertrag des Hausärzteverbandes mit der Signal Iduna IKK


Sehr geehrter Herr Weigeldt,

gestern hat der Hausärzteverband auf Bundesebene einen ersten Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung geschlossen. Soweit ich nichts Wesentliches übersehen habe, findet sich die informativste Meldung dazu bei der Ärzte-Zeitung. Gemäß dieser Meldung setzt sich das Honorar wie folgt zusammen:

- kontaktunabhängige Pauschale von 66 Euro im Jahr
- (maximal 3) kontaktabhängige Pauschale von 40 Euro
- für Chroniker 20 Euro
- darüber hinaus nicht näher spezifizierte Qualitätsboni

Berechne ich auf Basis dieser Veröffentlichung den Quartalsfallwert, komme ich auf 51,50 Euro.

Als einigermaßen in der Materie bewanderter Volkswirt stellen sich mir an der Stelle mehrere Fragen:


1. Sind das wirklich die Vertragsinhalte?
Antwort: Der HÄV hat auf seiner Homepage nichts Abweichendes veröffentlicht (*). Man sollte also davon ausgehen.
2. Wie passen 51,50 Euro in die Landschaft, wenn in Bayern und Baden-Württemberg von den Landesverbänden deutlich höhere Fallwerte ausgehandelt wurden?
Antwort: ?
3. Weiß der HÄV, was der HÄV tut?
(Meine) Antwort: Der HÄV kann es zwar wissen, was er getan hat. Aber die Folgewirkungen seiner Taten kann er nicht einmal ansatzweise verstanden haben. Denn hätte er es verstanden, hätte er den Vertrag nicht unterschrieben.


Darf ich in Kenntnis von "Mein Arzt" fragen, ob der HÄV Verträge nach 73b vorsätzlich sabotieren will? Oder gibt es andere Motive, die eine so unterirdische Performance des HÄV bei „Mein Arzt“ erklären können?

Die bisher kommunizierten Honorare bei "Mein Arzt" stellen eine Einladung an alle Kritiker dar. Wenn ein Hausarzt im RLV schon auf 40 Euro kommt, und dieses Honorar gemeinhin als völlig unzureichend angesehen wird, wie kann sich der HÄV mit rund 50 Euro zufrieden geben? Für Baden-Württemberg ist beim AOK-Vertrag eine Chronikerpauschale von 25 Euro ausgehandelt, die zudem jedes Quartal gezahlt wird. Und bei "mein Arzt" 20% weniger, und das auch nur einmal pro Jahr statt jedes Quartal?

Was treibt den HÄV, auch nur ein Jota von den Konditionen nach unten abzuweichen, die an anderer Stelle schon ausgehandelt wurden? Ist es dem HÄV nicht klar, dass derzeit Schiedsamtverfahren laufen, unter anderem unter dem Vorsitz von Dr. Engelmann, dem ehemaligen Vorsitzenden des 6. Senats des BSG? Oder ist man beim HÄV so blauäugig zu glauben, dass „Mein Arzt“ nicht sofort von interessierter Stelle nach entsprechenden Stellen durchforstet werden wird? Ist dem HÄV bewusst, dass er mit „Mein Arzt“ die Position der Hausärzte bei allen anstehenden Schiedsverfahren deutlich geschwächt hat?

Die beobachtbare Vorgehensweise des HÄV lässt zwei mögliche Erklärungen zu: Entweder Vorsatz oder Inkompetenz. Was werden wohl die Landesverbände im Süden, und vor allem auch der Kooperationspartner in Baden-Württemberg, also MEDI, davon halten, dass ihnen auf Bundesebene jemand vorsätzlich in die Hacken getreten hat? Ökonomen würden sich schwer tun, diese strategisch völlig indiskutable Leistung angemessen zu beschreiben. Schlechter als „suboptimal“ geht eigentlich nicht. Aber das Vorgehen des HÄV als eine suboptimale Strategie zu bezeichnen, das wäre noch zu positiv formuliert.

Abgesehen von den Inhalten von „Mein Arzt“ hat der HÄV auch ein kaum für möglich gehaltenes Beispiel für eine völlig insuffiziente Kommunikationsstrategie geliefert. Einen Vertrag zu unterzeichnen, der mit den 73b einen Gegenstand betrifft, welcher derzeit von fast allen Seiten intensiv beäugt wird, und nach der Vertragsunterzeichnung auf der eigenen Homepage diesen Vertrag schlicht nicht zu erwähnen, das ist einfach nur unterirdisch. Statt mit so vielen Informationen wie möglich aufzuwarten und so die Deutungshoheit über die Vertragsinhalte zu gewinnen, schweigt der HÄV. Dagegen informiert die Signal Iduna IKK auf ihrer Homepage ihre Klientel. Ist dem HÄV auch nur ansatzweise klar, welche Bedeutung Kommunikation im Rahmen einer Strategie spielen kann? Offenkundig wohl nicht.

Meine Kritik an der Sache kann ich beim besten Willen nicht relativieren. So viel strategisches Unvermögen muss man auch deutlich ansprechen können. Meine Kritik an der suboptimalen strategischen Kommunikation könnte man vielleicht relativieren. Wäre dem HÄV nämlich klar gewesen, wie indiskutabel sein Verhandlungsergebnis de facto ist, dann wäre es nur logisch und folgerichtig, darüber möglichst den Mantel des Schweigens auszubreiten. Dann hätte der HÄV bei "Mein Arzt" wissentlich ein so schlechtes Ergebnis ausgehandelt, das er den Hausärzten am liebsten gar nicht mitteilen möchte.

So wie wir schon bisher auf www.brain2doc.de im Schwerpunkt Analysen rund um die Thematik Selektivverträge eingestellt haben, werden wir auch dieses Schreiben als Offenen Brief an den HÄV veröffentlichen. Selbstverständlich werden wir eine Antwort des HÄV auf dieses Schreiben ungekürzt auf der Homepage einstellen. Damit haben alle Mitleser eine Chance, sich ihre eigene Meinung zu bilden.

Eine Kopie dieses Schreibens geht unter anderem an die Landesverbände des HÄV im Süden sowie an MEDI.


Mit freundlichen Grüßen

Franz-Josef Müller, Volkswirt


www.brain2doc.de

(*) Anmerkung für den Leser dieses Beitrages: Bis heute, 17.12.2009, 11.32 Uhr, Ausgang der Mail an den HÄV.


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