Radio Eriwan zur Doofheit der Ärzteschaft
Anfrage an Radio Eriwan: „Ist die deutsche Ärzteschaft zu doof ökonomische Zusammenhänge zu verstehen?“ „Im Prinzip nein…“ antwortete Radio Eriwan , „ … aber es nützt ihr bei ihrem derzeitigen Verhalten auch nichts, wenn sie die Zusammenhänge verstanden hätte.“
Die peinlichen Streitereien innerhalb der deutschen Ärzteschaft um die Frage Sachleistung oder Kostenerstattung legen unmissverständlich und für jeden mit ökonomischem Sachverstand ausgestatteten Zuschauer erkennbar nahe, dass die Grenzen des Endlichen noch nicht gesichtet wurden. Was der Deutsche Ärztetag in 2010 rund um den Komplex Kostenerstattung / Sachleistung produziert hat, spricht eindeutig für eine unendliche Doofheit der deutschen Ärzteschaft.
Lassen Sie uns die Thematik stark vereinfacht, damit es verstanden wird, an einem kleinen Modell näher betrachten. Es gäbe einen Arzt, der eine Tupferpackung einkauft um sie in seiner Praxis im Einsatz für den Patienten zu verwenden. Wie ihm sein Steuerberater später mal erklären wird, kostet ihn die Tupferpackung „zu Vollkosten“ 2 Euro. Neben dem Einkaufspreis von 80Cent kommen dazu noch die anteiligen Verwaltungskosten der Praxis wie Personal, Infrastruktur oder auch der kalkulatorische Zins sowie der kalkulatorische Arztlohn. So wird aus einem Produkt, welches im Einkauf 80Cent kostet im Verkauf ein Produkt, für das der Verkäufer Arzt 2 Euro erzielen muss. Bei 2 Euro hat er weder Gewinn noch Verlust gemacht. Bekommt der Arzt für das Tupferpäckchen weniger als 2 Euro, legt er Geld drauf.
So einfach kann Ökonomie sein. Erhalte ich für meine Ware nicht so viel Geld, um damit meine Kosten decken zu können, mache ich Verluste. Legt eine staatliche Autorität den Preis für Tupfer auf 1,00 Euro fest, dann macht der Verkäufer mit jedem verwendeten Tupferpäckchen Verlust. Unter der Annahme, dass der Verkäufer kein Arzt ist, würde das Angebot an Tupfern bei einem staatlich festgesetzten Preis von 1,00 Euro auf null zurückgehen. Tupfer würden nur auf dem Schwarzmarkt zum Preis von mindestens 2 Euro gehandelt werden. Statt in der Auslage ein Tupferpäckel für 1,00 Euro anzubieten wäre daraus die aus der DDR bekannte „Bückware“ zum Preis von 2 Euro geworden. Bückware hieß das, weil die Ware nur „unterm Tresen“ und damit nicht offiziell gelagert wurde. Die Einwohner der DDR verhielten sich eben rational. Sie können ein Lied davon singen.
Was das mit der Doofheit der Ärzte zu tun? Nun ja, das lässt sich im Prinzip schwer erklären, ohne zugleich der Ärzteschaft Doofheit per magna zu bescheinigen.
Aber lesen Sie selbst. In der DDR wurde Ware mit nicht kostendeckenden Preisen einfach aus den Regalen genommen. Wären alle Bürger der DDR Ärzte gewesen, dann hätten sie erst heftig darüber diskutiert und sich dann gegenseitig die Köpfe bei der Frage eingeschlagen, ob man für den Tupfer einen Euro oder einhundert Cent verlangen soll.
Für die drei Leser, die selbst diesen Ausflug in die größten Tiefen der Ökonomie verstanden haben, kommt jetzt die Megaherausforderung: Transferleistung.
Man nehme statt „Tupfer“ den Begriff „ärztliche Leistung“. Und man ersetze „einen Euro“ durch „Sachleistung“ und „einhundert Cent“ durch Kostenerstattung. Jetzt wird kommt die echte Herausforderung bei der Transferleistung und da ist Hilfestellung leider nicht mehr möglich. Die ungeschminkte Wahrheit lautet also:
Es ist völlig schnurzpiepegal, ob ärztliche Leistungen im Sachleistungssystem oder mit Kostenerstattung bezahlt werden. Wenn der Preis stimmt, ist die Wahl des Systems ohne Belang.
Umgekehrt: wenn der Preis nicht stimmt, spielt die Systemfrage Sachleistung oder Kostenerstattung keine Rolle.
Und jetzt tut uns der eine Arzt und zugleich letzte Leser, der selbst diese ökonomische Weisheit an sich heran gelassen hat, schon fast leid. Denn sobald er versuchen würde, diese Erkenntnis innerhalb der Ärzteschaft zu kommunizieren, dann würde er von sämtlichen Delegierten des Deutschen Ärztetages erschlagen werden. Denn diese Delegierten haben sich nicht entblödet, über die Frage „ein Euro oder besser einhundert Cent“ zu debattieren, sich in die Haare zu kriegen und am Ende sogar noch über einen Antrag abzustimmen.
Wir hatten uns in der Vergangenheit die Freiheit genommen, diese Thematik in mehreren Beiträgen zu betrachten, nämlich hier.
Wer als Antwort auf die Frage, ob die Ärzteschaft lieber Kostenerstattung oder lieber Sachleistung haben möchte, sagt „Ärzte wollen eine angemessene Vergütung und es ist uns völlig egal wie das System aussieht“, der kann zum Deutschen Ärztetag nur feststellen: Voll am Thema vorbei.
Oder wie es bei Radio Eriwan auf die Frage, ob die Doofheit der Ärzteschaft endlich sei, heißt: „Im Prinzip nein, aber warum sollten wir die Frage anders beantworten, wenn sich die Ärzte mit so wenig Geld begnügen?“
Der Reporter aus Eriwan hätte auch antworten können:
Wenn man stets mit friendly fire rechnen muss, geht man freiwillig nicht aus seiner Deckung.
www.brain2doc.de am 29. Mai 2010
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