Warum es für die bayerischen Hausärzte keine Alternative zum Ausstieg am 22.12.2010 gibt.
Die Fronten sind geklärt, sämtliche Kombattanten haben sich für eine Seite entschieden und öffentlich Stellung bezogen.
1. Die AOK Bayern hat die Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung im Vorgriff auf eine mögliche Ausstiegsentscheidung der bayerischen Hausärzte bereits gekündigt und bemüht sich nach Kräften die Hausärzte mit ständig neuen Drohgebärden einzuschüchtern und ins System zurück zu zwingen.
2. Eine große Zahl von Ersatzkassen springt der AOK bei und kündigt, ebenfalls im Vorgriff auf eine mögliche Entscheidung zum Systemwechsel, bestehende Verträge.
3. Die bayerische Staatsregierung bezieht an der Seite der AOK Stellung und greift in Anzeigenkampagnen, über ein eigenes Internetportal und über die Medien den BHÄV an, um im Übrigen erneut die Einzelansprache des Arztes über die vermeintliche Allzweckwaffe des ärztlichen „Berufsethos“ zu suchen, und gleichzeitig die Zeit nach dem Ausstieg in dunkelsten Farben bedrohlich zu schildern.
4. Die ehemalige Führungsspitze der bayerischen Kassenärztlichen Vereinigung, die gerade eine schallende Ohrfeige für die Arbeit der letzten Jahre in Form einer klaren Abwahl erhalten hat, weiß nichts Besseres zu tun, als sich bei Kassen und Politik als williger Vasall anzudienen und damit erneut innerärztlichen Dissens zu schüren.
Ein inhaltliches Einlenken der vorgenannten Instanzen, an der Spitze Kassen und Politik, ist nirgends zu erkennen. Die immer gleiche Melange von bis zur Unkenntlichkeit deformierten Begriffen wie „flächendeckende Versorgung“, „leistungsgerechte Honorierung“, „Solidaritätsprinzip“ und „ärztliches Berufsethos“ lässt erkennen, dass man zwar weiterhin bereit ist, alles Mögliche zu diskutieren, aber auf gar keinen Fall gewillt ist, mit einer echten Interessensvertretung der niedergelassenen Ärzte auf Augenhöhe über eine angemessene Honorierung ärztlicher Leistungen zu verhandeln. Denn exakt dies wäre die Aufgabe für Kassen und Politik nach dem Ausstieg der Hausärzte in Bayern.
Warum also müssen die bayerischen Hausärzte genau JETZT aussteigen?
Ganz einfach, weil neben dem Autoritätsverlust der jetzigen Führungsriege die Gegenseite vom Moment des „Kleinbeigebens“ der Hausärzte ganz gezielt und ungeniert auf die nächste Auseinandersetzung mit der Ärzteschaft hinarbeiten wird.
JETZT werden die Krankenhäuser und Kliniken hoffnungslos überfordert sein, wenn Heerscharen von wütenden Patienten mit langen Anfahrtswegen und Wartezeiten zur Akutversorgung die hauseigenen Ambulanzen stürmen und belagern.
JETZT werden Kassen, Klinikketten und Behörden auf dem leergefegten Markt niemals personell adäquaten Ersatz für die ausgeschiedenen Hausärzte finden um leistungsfähige Kassenambulatorien und medizinische Versorgungszentren einzurichten. Die „ärztliche Versorgungsstation“ in der Turnhalle oder in den Räumen der Volkshochschule und im Kindergarten, mit dem eilends herbei gekarrten tschechischen oder lettischen Arzt, dürfte in den Augen des durchschnittlichen bayerischen Kassenpatienten, dem der Weg zu seinem am Heimatort weiterhin praktizierenden Hausarzt verwehrt wird, ohnehin kaum eine attraktive Alternative darstellen.
JETZT werden Anwerbeversuche ausländischer Ärzte zwangsweise im Sande verlaufen, weil sich fachliche, organisatorische und sprachliche Hindernisse nicht ausreichend schnell abbauen lassen werden. Ob 1.000, 3.000 oder 20.000 Ärzte in den östlichen Nachbarstaaten grundsätzlich geneigt sein könnten auch in Deutschland zu arbeiten ist völlig zweitrangig – solange dieser Weg nicht bereits im Detail durchdacht und organisatorisch geebnet ist.
JETZT ist die bayerische Staatsregierung unter Druck und kann sich eine offene Feldschlacht gegen die gut organisierten und vernetzten Meinungsmacher in den hausärztlichen Praxen gar nicht leisten. „Ethos“ ist ein Begriff, den die Politik vorwiegend zur Instrumentalisierung von Gruppen nutzt. Es ist immer das „Ethos der Anderen“ an das appelliert wird, und es sind immer die eigenen Umfragewerte, an denen man sich selbst ausschließlich orientiert
JETZT wird die Schuld für eine schlechtere Versorgung der Bevölkerung ausschließlich den Kassen und der Politik anzulasten sein. Die Hausärzte sind JETZT nämlich noch da und versorgen ihre Patienten ganz so, wie es ihr ärztliches Berufsethos verlangt. Kassen und Politik haben „nur“ die Aufgabe dafür Sorge zu tragen, dass für eine solche Behandlung auch ein angemessenes Honorar bezahlt wird.
JETZT stehen also alle Zeichen für einen erfolgreichen Ausstieg und einen Systemwechsel auf grün. Wenn jedoch der Ausstieg am 22.12.2010 scheitert, werden die Anführer des Widerstands von der Spitze der Ärzteschaft verschwunden sein und es ist nicht zu erwarten, dass ein Dr. Hoppenthaller so schnell einen adäquaten Nachfolger findet, um die vom Misserfolg gebeutelten Hausärzte erneut zu einen und überhaupt verhandlungsfähig zu machen.
Ab dem Zeitpunkt des Scheiterns des Ausstiegs der Hausärzte werden Kassen und Politik nichts anderes tun, als alle vorgenannten Rahmenbedingungen, die JETZT für einen sofortigen Ausstieg der Hausärzte sprechen, zu ihren eigenen Gunsten zu verändern.
Und unter Hinweis auf die gerade noch abgewendete Katastrophe des „Beinahe-Ausstiegs“ 2010, auf die letztlich erneut bewiesene fehlende Kampagne- und Durchsetzungsfähigkeit der Ärzteschaft sowie die Unverhandelbarkeit der eigenen Standpunkte, werden sich in 1,2, 4 oder 6 Jahren die vorgenannten Rahmenbedingungen ungeniert so ändern lassen, dass ein früher oder später unausweichlich erneut zu erwartender Versuch des Systemausstiegs, tatsächlich mit einem Gegenplan ausgehebelt werden kann. Die jüngsten Einlassungen von Gesundheitsminister Söder und der bayerischen AOK lassen keinen Zweifel daran, dass man Politik und Kassen kein zweites Mal so schlecht vorbereitet erwischen wird! Die Potemkinschen Dörfer von heute werden dann durch die Macht des Faktischen ersetzt sein.
Liebe Hausärzte im Freistaat, denkt daran: Der Gegner droht JETZT bereits mit dem Plan, den er im Moment ausarbeitet, um den nächsten Versuch des Aufbegehrens NACH dem Scheitern des Ausstiegs am 22.12.2010 zu parieren!
Lasst es nicht so weit kommen.
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