In Bayern verkehrte Welt?

GfB und BFAV gemeinsam gegen den BHÄV?


Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Statt dass sich die Gewinner der VV-Wahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, bei den Hausärzten der Bayerischen Hausärzteverband (BHÄV) und bei den Fachärzten des Bayerischen Facharztverbandes (BFAV) auf eine gemeinsame Zielsetzung einigten, könnte es demnächst zu einer Konstellation kommen, bei der man als Außenstehender nur noch Bahnhof versteht.

Doch der Reihe nach: Hüben die von Dr. Hoppenthaller geführten Hausärzte des BHÄV mit seinem eindeutigen Ziel Systemausstieg, von der überwältigenden Mehrheit der Hausärzte (ca. 90%) mandatiert. Drüben der von Frau Dr. Enger geführte Facharztverband BFAV, der von den erdrutschartigen Verlusten der Gemeinschaft fachärztlicher Berufsverbände (GfB) mit ihrer systemstabilisierenden Grundhaltung profitierte. Wenn man aus der Wahl-Klatsche für die GfB jedoch die Schlussfolgerung zieht, dass der BFAV für andere Ziele als die GfB steht, dann dürfte das sehr voreilig gewesen sein. Wir wissen es nicht, aber es spricht einiges dafür, dass viele Fachärzte in Bayern bei den Wahlen zur VV genau diesen Fehler gemacht haben. Fachärzte, die aus dem System aussteigen wollen, hatten nämlich bei den Wahlen zur VV nur die Chance den BHÄV zu wählen. Eine fachärztliche Liste mit diesem Ziel gab es offenkundig nicht.

Grob vereinfacht könnte man sagen, dass die GfB für den Systemerhalt steht und Änderungen im System will. Wenn eine Gruppierung wie der BFAV von den Verlusten der GfB profitiert, dann billigt man ihr zunächst einmal intuitiv automatisch eine inhaltlich deutlich abweichende Positionierung zu, sonst hätte man ja gleich die GfB wählen können. Das könnte genau der Fehler sein, den viele Ärzte in Bayern gemacht haben.

Denn schaut man sich die Homepage des BFAV einmal an, dann findet man auf der Startseite (Stand 28.11.2010) folgende Zielsetzungen des BFAV:

Freiberuflichkeit - gegen Fremdbestimmung durch Politik Klinikkonzerne oder funktionärseigene Versorgungszentren

Transparenz - Entscheidungsprozesse und Geldströme sollen für alle Mitglieder durchschaubar sein!

Kostenerstattung - leistungsgerechte Bezahlung und direktes Vertragsverhältnis mit dem Patienten!

Demokratisierung - mehr Mitspracherecht für die Vertreterversammlung und die Mitglieder!

Entbürokratisierung - die Kosten der Verwaltung sollen dem Verursacher zugerechnet werden. Keine Pseudoqualität, sondern Qualität in der Substanz. Mehr Zeit für die Arbeit am Patienten.

Professionalisierung - betriebswirtschaftlich-juristisch kompetente Geschäftsführung unter einem ärztlichem Aufsichtsrat!

Quelle: http://www.bayerischerfacharztverband.de/

Welches dieser Ziele würde die GfB wohl nicht unterschreiben können? Oder noch krasser formuliert: Das kann jeder unterschreiben, es ist ein austauschbares „Parteiprogramm“, bei dem man einen konkreten Absender nicht erkennen kann.So richtig ins Auge springt da kein besonderes Alleinstellungsmerkmal. Wenn es keine großen Differenzen zwischen BFAV und GfB gibt, kann sich dann überhaupt etwas ändern in der KVB?

So wie es derzeit aussieht, wohl nicht. Einzig und allein die Hausärzte des BHÄV wollen aus dem System aussteigen. Der BHÄV sieht sein Engagement in der KVB lediglich als Mittel zum Zweck, wobei der Zweck klar ist: Ausstieg aus dem System.

Ein Ausstieg aus dem System ist hingegen nicht das erklärte Ziel des BFAV. Nicht einmal für höhere Honorare (von angemessenen Honoraren garnicht geredet), wie sie der BHÄV mit den Verträgen nach § 73 b für seine Hausärzte erstritten hat, tritt der BFAV ein. Gemäß der Vorsitzenden des BFAV lautet der Wählerauftrag an den BFAV „Neuanfang in der KV-Politik(Quelle).

Noch einmal zur Verdeutlichung. Der Bayerische Facharztverband BFAV will innerhalb der KV etwas erreichen, die Hausärzte des BHÄV außerhalb der KV.

Eine Koalition von BHÄV und BFAV in Bayern ist bei den divergierenden Interessen in einer Kernfrage nicht völlig unmöglich, aber eben auch nicht hochwahrscheinlich. Halten die Worte der Vorsitzenden des BFAV, Frau Dr. Enger, vor den Wahlen bis nach den Wahlen, ist eine Koalition von BHÄV und BFAV keine Option. (Quelle)



Der BHÄV dürfte das Ergebnis der VV-Wahlen mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen. Einerseits ein überwältigendes Mandat der Hausärzte für den Systemausstieg. Andererseits kein Koalitionspartner bei den Fachärzten in Sicht, der für eine sichere Mehrheit der Ausstiegsbefürworter unter den Vertragsärzten sorgen könnte. Es gibt leider keine fachärztlichen Vertreter in der VV, die sich für den Systemausstieg stark machen. Im Gegenteil: GfB und BFAV treten übereinstimmt für den Systemerhalt ein. Zitat „ Übereinstimmung bestand darin, dass der Körperschaftsstatus der KV erhalten werden muss. Beide Verbände waren sich einig, dass ein Verlust diese Status den Interessen der Fachärzteschaft nicht dienlich ist.“ (Quelle).

Wähler des BFAV, die sich nicht weiter informiert haben und einfach davon ausgegangen sind, dass der BFAV wie der BHÄV für eine völlig Abkehr vom bestehenden System eintritt, und die deswegen nicht mehr die GfB gewählt haben, werden demnächst wohl mit der Tatsache konfrontiert werden, dass der BFAV eben nicht das von vielen erhoffte fachärztliche Pendant des BHÄV ist. Würde sich das so einstellen, dann wären die Fachärzte berufspolitisch immer noch nicht so vertreten, wie es die Hausärzte seit Jahren im BHÄV unter der Führung von Dr. Hoppenthaller sind.


Es spricht einiges dafür, dass die Fachärzte den Hausärzten nicht in den Rücken fallen werden, aber wahrscheinlich eher nur deswegen, weil sie es gar nicht können. Hinter den Hausärzten steht von denen nämlich niemand. Sowohl GfB als auch BFAV stehen eindeutig auf der anderen Seite, im Lager der KV-Befürworter und Systemerhalter. Einfacher wird der Systemausstieg für den BHÄV dadurch nicht werden. Aber der BHÄV wird auch keine Zeit mit Sondierungsgesprächen verbringen müssen, die am Ende zu keiner Lösung führen.

www.brain2doc.de 28.11.2010


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