BHÄV kontert AOK-Strategie

BHÄV kontert AOK-Strategie gekonnt - Respekt


Endlich, endlich einmal hat eine ärztliche Interessenvertretung das eine, das alles entscheidende, Element erkannt, was eine berufspolitische Interessenvertretung unbedingt benötigt, wenn sie nicht auf Dauer in der Rolle eines Bittsteller verharren möchte: Marktmacht. Der BHÄV hat es in den letzten Jahren vermocht, Marktmacht aufzubauen. Und er setzt sie seit Monaten im Interesse seiner Mitglieder mit Geschick ein.

Angefangen hatte die AOK die Machtprobe, in dem sie das von ihr aus freien Stücken ausgehandelte Honorar in der hausarztzentrierten Versorgung in Gutsherrenmanier einseitig kürzte. Einem seriösen Geschäftspartner gegenüber ist sowas nicht gerade anständig, oder? Selbstverständlich wurde erst gekürzt, nachdem die AOK ihren Vorteil bereits einkassiert hatte. So viel Zeit hat sich die AOK schon genommen, schließlich geht es um das Geld der AOK. Der BHÄV hat daraufhin den Systemausstieg angepeilt, um wieder auf die Honorarhöhe zu kommen, die man mit der AOK Bayern schon einmal ausgehandelt hatte. Termin für die Abstimmung über den Systemausstieg war der 26.1.2011.

Um eine Ausstiegsabstimmung in Nürnberg zu verhindern, hat die AOK dann vor ein paar Tagen den bayerischen Hausärzten damit gedroht, aus der hausarztzentrierten Versorgung ganz auszusteigen, falls die Hausärzte in Nürnberg tatsächlich über den Systemausstieg abstimmen würden. Die Frist für die Unterwerfung des BHÄV wurde auf den 14.1.2011 festgesetzt.

Auf diesen Vorstoß der AOK wiederum hat der BHÄV eine brilliante Antwort gefunden (Quelle). Statt sich wie für ärztliche Interessenvertretungen nicht unüblich auf irgendwelche Nebenkriegsschauplätze abdrängen zu lassen, hat er der AOK ein Angebot gemacht, welches der AOK erhebliches Kopfzerbrechen bereiten dürfte. Nimmt sie das Angebot des BHÄV an, muss sie der hausarztzentrierten Versorgung bis 2015 zustimmen und sie darf sie nicht mit subversiven Methoden unterlaufen. Genau das will die AOK aber nicht, wie man ihrem Ultimatum entnehmen konnte.

Andererseits hat der BHÄV den von der AOK geforderten Honorarkürzungen zugestimmt, hat also freiwillig ex post noch einmal Abstriche an einem bereits ausgehandelten Vertrag zu eigenen Ungunsten hingenommen. Diese „Nachbesserung“ bei der Honorarhöhe ist das große Entgegenkommen des BHÄV an die AOK, um so möglicherweise einen Systemausstieg zu verhindern. Es liegt nun bei der AOK, ob es zum Systemausstieg kommt oder nicht.

Zudem ist es auch ein Signal an die Politik und die Öffentlichkeit mit folgender Botschaft: „Wir Hausärzte waren zu fast allem bereit, sogar Honorareinbußen würden wir hinnehmen. Wenn die AOK unser Angebot ablehnt, dann trifft uns keinerlei Schuld. Die Konsequenzen dafür muss die AOK tragen.

Muss man an der Stelle wirklich noch Worte darüber verlieren, dass die Honorarkürzung nicht der entscheidende Punkt ist, auch wenn er sich im Geldbeutel bemerkbar macht, sondern dass es um die Positionierung des BHÄV als Interessenvertretung geht? Selbstverständlich sind 85 Euro besser als 76 Euro. Aber 76 Euro plus einen BHÄV als einzig legitimierte und anerkannte Interessenvertretung der Hausärzte sind viel mehr wert als 45 Euro in der KV plus eine vor sich hinsiechende KVB, die als Interessenvertretung der Ärzte völlig versagt hat. Wer die Wahl zwischen 76 und 45 Euro hat und sich für 45 Euro entscheidet, der darf das gerne machen. Ökonomen billigen solchen Personen gerne „ganz spezielle Präferenzen“ zu, die nicht mit den Präferenzen von rational handelnden Individuen übereinstimmen müssen.

Was auch immer passieren wird, die AOK dürfte am Ende kaum zu den Gewinnern gehören.

Nimmt die AOK das Angebot des BHÄV an, lautet das Signal an alle anderen Hausarztverbände in Deutschland: Ihr müsst nur deutlich genug auftreten, dann bekommt ihr Verträge wie wir in Bayern. So wie es aussieht, hat zumindest der Hausärzteverband Westfalen-Lippe nicht vor, hinter den Bayern zurück stehen zu wollen (Quelle). Statt die hausarztzentrierte Versorgung zu beerdigen, würde ihr die AOK Bayern bei einer Annahme des BHÄV-Angebotes ein neues Leben einhauchen.Lehnt die AOK das Angebot des BHÄV ab, dann kommt dies einer unmissverständlichen Aufforderung an alle bayerischen Hausärzte gleich, am 22.12.2010 für den Systemausstieg zu stimmen.

Der Clou: Selbst wenn die AOK das Angebot des BHÄV annimmt, so wäre damit noch lange nicht sicher gestellt, dass die Hausärzte am 22.12.2010 nicht trotzdem den Systemausstieg beschließen. Das Timing hat der BHÄV perfekt hinbekommen. Im Ergebnis hat sich die AOK in eine überaus ungemütliche Position manövriert.

Sie hat mit dem Ultimatum zum 14.1.2011 das Tempo verschärft. Der BHÄV hat die Tempoverschärfung aufgenommen und seinerseits noch einmal draufgelegt. Jetzt hat die AOK Bayern das zweifelhafte Vergnügen, sich zwischen zwei Optionen entscheiden zu müssen – und das auch noch unter einem selbst verschuldeten hohem Zeitdruck. Entweder das Angebot des BHÄV annehmen, alle anderen Hausarztverbände in Deutschland sollten sich dann für die Herstellung der Blaupause beim BHÄV bedanken. Oder das Angebot des BHÄV ablehnen. Dann ist damit zu rechnen, dass am 22.12.2010 in Nürnberg der Systemausstieg beschlossen wird.

Der BHÄV wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit mit weit mehr Marktmacht aus der Sache herauskommen als er reingegangen war. Nur wenn die Hausärzte in Bayern am 22.12.2010 beschließen sollten, dass sie doch lieber unter dem Joch der AOK weiter machen möchten als sich dem Vorschlag des BHÄV zum Systemausstieg anzuschließen, hätte der BHÄV verloren. Aber noch viel mehr als der BHÄV hätten in dem Falle die Hausärzte selbst verloren. Dann hätten sie anschließend genau die Suppe auszulöffeln, die sie sich zuvor mit ihrem individuellen Versagen selbst eingebrockt hätten.

Wenn ein bayerischer Hausarzt in der Situation nicht nach Nürnberg geht und für den Systemausstieg stimmt, dann hat er absolut sicher verloren. Stimmt er für den Systemausstieg, dann hat er zumindest noch die Chance, zu gewinnen. Machen genügend andere Hausärzte mit, wird es sogar ein überwältigender Sieg. Die Chancen für einen Sieg stehen offenbar so gut, dass die AOK eine Abstimmung in Nürnberg um jeden Preis verhindern möchte. Das sollte für die Hausärzte erst recht ein Grund und Signal sein, für den Systemausstieg zu stimmen.

Wäre ich bayerischer Hausarzt, würde ich in Nürnberg auf jeden Fall für den Systemausstieg stimmen. Gelingt es, bin ich besser dran als zuvor. Misslingt es, falle ich entweder auf 75 Euro plus Vertretung durch den BHÄV zurück. Oder aber, falls sowohl Nürnberg misslingt als auch die AOK das Angebot nicht annimmt, ich lande bei 45 Euro und der KVB. Das wiederum ist die Ausgangssituation – und bei einem Systemausstieg kann ich am Ende nur besser fahren. Also Systemausstieg. [Das war ein kurzer Ausflug in die angewandte Spieltheorie. Quelle]


P.S.:
Bis vor Kurzem konnte man noch der Auffassung sein, dass in Bayern nur die Hausärzte verstanden haben, was die Uhr geschlagen hat. Jetzt haben offensichtlich auch Teile der GfB verstanden, die fürchterliche Schlappe bei den VV-Wahlen dürfte den Prozess beschleunigt haben, dass sich zumindest bei den Köpfen der GfB etwas ändern sollte. Ein „weiter so wie bisher“, das will man wohl nicht länger riskieren.
Sollten sich die sechs fachärztlichen Mitglieder der VV, die sich aus der GfB-Fraktion abspalten wollen (Quelle), auch in der Sache völlig neu orientieren, dann steht dem BHÄV möglicherweise ein neuer Koalitonspartner zur Verfügung, der den Ausstieg der Hausärzte unterstützt.

www.brain2doc.de am 7.12.2010


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