Das Zauberwort heißt: Mangel erzeugt höhere Preise. Oder wie sich Honorarärzte am Beispiel der Anästhesisten ein angemessenes Einkommen verschaffen: Die Narkoseärzte machen es vor.
Jahrelang hat man Ärzte mit Bürokratie beladen, ihnen locker weniger als 30% als im übrigen vergleichbaren Europa bezahlt, sie kriminalisiert, ihnen Pfusch vorgeworfen. Ein wichtiges Kerngebiet operativer Fächer, die Anästhesie hat jetzt genug. Anästhesisten steigen aus dem Angestelltenstatus aus. Oder um es in der Niedergelassenensprache auszudrücken: sie geben ihre Zulassung zurück.
Geradezu beispielhaft reagiert jetzt eine in den Krankenhäusern angestellte Facharztgruppe auf zu niedrige Löhne und suboptimale Arbeitsbedingungen. Die innerliche Kündigung war längst vollzogen, jetzt folgt nur noch der formelle Abschied aus dem Krankenhaus. Einem Krankenhaus, das ihnen bisher nur unverschämte Bürokratie und lange Arbeitszeiten bot. Der Bogen war schon lange überspannt, der Schraubenkopf überdreht: Nach fest kommt ab.
Ein Gespenst geht um, in deutschen Krankenhäusern, das Gespenst des Ärztemangels. Die Suche nach Ärzten wird immer verzweifelter. Dabei wäre es so einfach, das Problem zu lösen: Zahlt den Jungs einen angemessen Lohn, dann kommen auch wieder mehr Ärzte. Aber eben nur dann, wenn der Preis angemessen ist. Was ein angemessener Preis ist, lässt sich derzeit lehrbuchmäßig an den Honoraranästhesisten erklären.
Nachdem die Anästhesisten aufgrund der Gesamtkonstellation von Arbeitsbedingungen und Einkommen mit der Situation nicht mehr einverstanden waren, haben sie ihrem Arbeitgeber gekündigt, weil es anderswo womöglich bessere Einkommen und Arbeitsbedingungen gibt. Sie wollen und erhalten Freiheit in ihren administrativen und fachlichen Entscheidungen, verbunden mit einem angemessenen Einkommen. Mittlerweile ist der Ärztemangel bei Anästhesisten an Krankenhäusern so groß, dass die Operationen als wichtigste Einnahmequelle in gravierendem Umfange wegzubrechen drohen. Selbst nur wenige Monate mit stark eingebrochenen Umsätzen in dem Bereich reichen aus, die Krankenhäuser in den wirtschaftlichen Ruin zu treiben. Den Verlust des eigenen Arbeitsplatzes vor Augen haben die Verwaltungen keine andere Chance, als deutlich höhere Preise bei Narkoseärzten zu akzeptieren. Die Alternative wäre für die Verwaltung als letzte Aufgabe vor der Arbeitslosigkeit, das eigene Krankenhaus abzuwickeln.
Unter diesen Voraussetzungen auf Seiten der Krankenhäuser sind die derzeitigen Honorare von 70 bis 90 Euro pro Stunde nichts anderes als ein Freundschaftspreis. Denn selbst wenn die Anästhesisten das Doppelte fordern würden, die Krankenhäuser hätte keine Chance: Sie müssten auch weit höhere Preise zahlen.
Was wir im Kapitel „Angemessene Vergütung“ ausführten, das Verhalten der Anästhesisten passt dazu wie eine Blaupause.
Die Anästhesisten stellten lediglich eine einzige Forderung an die Verwaltung: Bezahlt uns angemessen. Werden wir nicht angemessen bezahlt, arbeiten wir an anderer Stelle. Diese Forderung der Ärzte war kurz und prägnant.
Auch die verallgemeinerte Forderung nach einem angemessenen Honorar für ärztliche Leistungen erfüllt diese Kriterien. Mit angemessenem Honorar ist in der Tat alles abgegolten, sei es zusätzlicher Bürokratieaufwand oder Kosten wie Übernachtungen, Fahrtkosten zum Einsatzort oder die Beiträge zu den Sozialversicherungen. Der Begriff der Angemessenheit beinhaltet dabei implizit auch alle übrigen Faktoren wie beispielsweise Inflation. Der angemessene Preis ist eben genau der Preis, zu dem die Anästhesisten bereit sind zu arbeiten und den die Krankenhäuser bereit sind zu zahlen.
Die Honorarärzte haben sich ausschließlich auf die Forderung nach einem angemessenen Honorar beschränkt. Einer Forderung, die von niemandem, der ernsthaft Verträge abschließen will, zurückgewiesen werden kann. Erst recht nicht von einer Krankenhausverwaltung eines Krankenhauses, in dem jeder Tag ohne Operationen einen großen Schritt in Richtung Insolvenz bedeutet. Zudem hält die Forderung nach einer angemessenen Honorierung jeglicher Kritik stand. Egal ob in einer Diskussion, in der Talkshow, in Gesprächen mit Kassen und Politik oder auch in der innerärztlichen Debatte.
Honorar ist dabei nichts anderes als der Preis für die ärztliche Leistung. Wie hoch der Preis ist, hängt in Marktwirtschaften immer von Angebot und Nachfrage ab. Bei den Anästhesisten ist die Nachfrage derzeit höher als das Angebot. Damit der Markt „geräumt“ wird, muss der Preis zwangsläufig steigen. Unter „räumen“ versteht man in dem Zusammenhang, dass so viele Anästhesistenkapazitäten zur Verfügung stehen, dass alle Operationen auch durchgeführt werden können.
Eine andere Facette von Ärztemangel ist Marktmacht. Die Seite des Marktes, also entweder Anbieter oder Nachfrager, bei der „zu wenig“ vorhanden ist, hat Marktmacht. Je größer der Mangel und je gravierender die Folgen bei Anhalten des Mangels für die andere Marktseite, desto höher ist die Marktmacht. Und je höher die Marktmacht, desto stärker kann die Mangel-Seite auf die Preise Einfluss nehmen.
Jahrelang hatten eine informelle Allianz aus Politiker, Kassen und KVen das vorhandene Überangebot an ärztlichen Leistungen dazu ausgenutzt, die Preise noch unter die Gestehungskosten zu drücken. Kurzfristig betrachtet konnten so ärztliche Leistungen zu einem äußerst niedrigen Preis eingekauft werden. Lange hat es gedauert, aber jetzt sind die damals billigend in Kauf genommenen Folgen des Missbrauchs von Marktmacht offensichtlich: Ärztemangel.
Um den Ärztemangel zu beheben sind sowohl Ärzte als auch die Vertreter der Nachfrageseite gefragt. Die Ärzte könnten in der aktuellen Situation sicherlich auch sehr viel höhere Preise als 100 Euro pro Stunde durchsetzen. Denn die Krankenhäuser hätten kurzfristig keine Ausweichmöglichkeit. In ein bis zwei Jahrzehnten hätten wir dann als Spätfolge der überhöhten Preise dann wieder einen Ärzteüberschuss produziert. Die Preise für ärztliche Leistungen müssten dann wieder fallen. Dieses „mal zuviel und mal zuwenig“ ist als „Schweine-Zyklus“ bekannt.
Ein auf lange Sicht angemessener Preis für ärztliche Leistungen wird sicherlich weder beim früheren Honorar noch bei 200 €/h liegen. Aber innerhalb dieser sehr großen Spanne sollte sich ein angemessener Preis bilden können.
Hätten übrigens die Krankenhäuser und auch die Krankenkassen verstanden, dass sie aus eigenem Interesse heraus ebenfalls an angemessenen Preisen für ärztliche Leistungen interessiert sein müssten, wären die Verhandlungen über die Höhe der Ärztehonorare schnell zu beenden. Würden die beiden Parteien darüber hinaus noch verstanden haben, dass man einen Mangel nur dann abbauen kann, wenn die Preise „überschießen“, würden die Vertreter der Nachfrager, also der Patienten, sogar von sich aus kurzfristig höhere Preise als langfristig sinnvoll zahlen, um den Mangel so schnell wie möglich zu beheben. Das wäre in der derzeitigen Situation die optimale Lösung.
Die Charite in Berlin hat das 2006 rasch erkannt. Millionenverluste durch den Anästhesistenstreik standen deutlich geringere Forderungen der Ärzte gegenüber. Würde das Beispiel der Anästhesisten Schule machen, dann sollten sich die Krankenhäuser in den nächsten Jahren auf noch mehr Honorarärzte einstellen. In den chirurgischen Fächern gibt es solche Gespenster schon. Und zumindest die Deutsche Gesellschaft für Neurologie befürchtet für ihre Fachgruppe ähnliches, wie seit dem 22.6.2010 die Kampagne „Deutschland behält die Nerven – Zukunft braucht Neurologen“ offenbart.
Der Begriff der Anästhesie stammt aus dem Griechischen Wort aisthesis: Empfinden. Und die An-Ästhesisten empfinden ihre Lage gerade rosig, um nicht zu sagen, sie können ganz schmerzlos mit dem Thema umgehen.
Es gibt etwas Anlass zur Hoffnung. :-)
www.brain2doc.de am 26. Juni 2010
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