Ärzte und ein gefräßiger Parasit
Ein niedergelassener Arzt kämpft ums nackte Überleben. Gleichzeitig hat sein Softwareanbieter das Luxusproblem, exorbitante Gewinne sinnvoll anzulegen. Wenn ein Softwareanbieter mit seiner marktbeherrschenden Stellung zu Lasten der Ärzte Umsatzrenditen von 27 Prozent in 2008 (Quelle) einfahren kann, dann zeugt das von dessen Geschäftstüchtigkeit.
Dass andere im Gesundheitswesen so richtig Geld verdienen, nehmen Ärzte wie selbstverständlich hin. Nur für sich selbst, da schaffen sie es nicht einmal ansatzweise, eine angemessene Bezahlung durchzusetzen. Nur nicht nachfragen, ob es eine auf längere Sicht sehr kostengünstigere Variante gibt. Nein, man bleibt bei (s)einer Software, egal wie extrem die Kosten für Software-Lizenz und Hardware-Anforderungen steigen, wie viele vom Softwareanbieter vorsätzlich eingepflanzte Anwendungen das Programm verlangsamen, wie viele Daten im Falle einer Online-Anbindung ausgelesen werden oder wie fehlerhaft die Software auch sein mag. Zusammen bis in den Tod, allerdings nur des Arztes und nicht des Softwareanbieters.
Dabei könnten Ärzte an der Stelle mal was richtig Gutes tun. Leider nicht für Patienten sondern nur „für sich. Wie das geht, dafür hat Duria bereits eine Vorlage geliefert. Zugegeben, Duria hat in puncto Erscheinungsbild durchaus Verbesserungspotenzial. Aber mit Duria gibt es eine gute und kostengünstige Software, die zudem den unschätzbaren Vorteil hat, dass der Softwareanbieter auf Grund seiner Genossenschaftsstruktur nicht von einem größeren Anbieter übernommen werden kann. Etwa 2700 Genossenschaftsmitglieder „besitzen“ ein eigenes leistungsfähiges Softwaresystem für Arztpraxen.
Derzeit kommt ca. die Hälfte aller Praxis-EDV-Systeme aus dem Umfeld der CompuGROUP. Ein weiterer Anbieter mit einer sehr guten Marktposition unter mehreren Markennahmen ist medatiXX. Da die CompuGROUP der größere Player ist, wird im Weiteren an seinem Beispiel aufgezeigt, wohin die Reise gehen könnte. Sehr vieles davon ließe sich auf auf medatiXX übertragen.
Ihre marktbeherrschende Stellung hat sich die CompuGROUP mittels einer erfolgreichen Einkaufsstrategie verschafft. Wenn ein Anbieter die Hälfte des Marktes bedient, dann hat er u. a. auch die Möglichkeit, seine Marktmacht zum Wohle des eigenen Unternehmens einzusetzen. Rund 50.000 Ärzten sei Dank, die CompuGROUP hat keine wirtschaftlichen Probleme.
Eine Umsatzrendite von 27 Prozent, was besagt das eigentlich?
Vereinfacht formuliert:
Würde die Firma ab sofort darauf verzichten, Geld zu verdienen, würden ihre Produkte um genau diese 27 Prozent günstiger werden. Die Ausgaben der Ärzte für Software würden ebenfalls um diese 27 Prozent niedriger werden. Na ja, zumindest in der ersten Näherung. Denn bei genauerer Betrachtung stellt man schnell fest, dass die CompuGROUP ja nicht ein System, sondern eine ganze Reihe von EDV-Systemen anbietet. Würde man die Ärzte alle auf ein System einschwören, dann würden sich die Softwareentwicklungskosten deutlich reduzieren. Statt vielen Programmpaketen nur noch eines, das spart Entwicklungs- und Anpassungskosten. Auch die Verwaltung würden deutlich reduziert und es lassen sich bestimmt noch an der einen oder anderen Stelle weitere Kosten wie beispielsweise im Bereich Hotline und Support einsparen.
Nimmt man zum Vergleich Duria, eine rein genossenschaftlichen EDV-Lösung für Ärzte, dann dürften sich die absoluten Kosten schon heute ganz erheblich unter denen einer Software aus dem Hause CompuGROUP bewegen. Würde man die Software-Wartungsskosten von Duria auf 10.000 Nutzer statt wie derzeit auf 2.000 umlegen, dann würden die anteiligen Kosten pro Arzt auf 20 Prozent fallen. Schon heute ist Duria deutlich kostengünstiger als viele anderen Anbieter. Diesen Wert um 80 Prozent nochmals zu drücken, das hätte was.
Gegenüber den führenden Programmen weist Duria derzeit jedoch einen gravierenden Nachteil auf, einen Schönheitsfehler. Das Programm ist nicht „mausgesteuert“, im Kern arbeitet es nur mit Tastatureingaben. Die bisherigen Duria-Anwender mögen das, die große Mehrheit der Ärzteschaft hat sich dagegen bei Neuanschaffung für Windows-Oberflächen entschieden. Ein Anbieter, der an einer alten Lösung festhält während sich der Rest des Marktes erfolgreich weiter bewegt, der könnte irgendwann einmal feststellen, dass er den richtigen Zeitpunkt verschlafen hat, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Statt im Wettbewerb erfolgreich Marktanteile zu gewinnen, könnte ein Nischendasein den Übergang auf dem Wege in die Bedeutungslosigkeit die Folge der bisherigen Unternehmenspolitik sein. Andererseits verfolgt Duria gar nicht die Philosophie, Neukunden um jeden Preis zu gewinnen. Duria hat bereits mit deutlich weniger Genossen kostendeckend gewirtschaftet, fühlt sich zuvorderst seinen bestehenden Anwendern verpflichtet und kann so auch Wünsche von Minderheiten unter den Genossen erfüllen.
Die Grundidee von Duria, Ärzte lassen für sich eine Software entwickeln, die ausschließlich auf ihren Bedarf ausgerichtet, ist dessen ungeachtet richtig. Das Modell Genossenschaft ist zudem so gestrickt, dass kein Wettbewerber diesen Software-Anbieter „aufkaufen“ kann. Warum sollte ein Arzt bei seiner Praxissoftware einer Kapitalgesellschaft eine Umsatzrendite von 27 Prozent bescheren, wenn er ein „eigenes“ System zu einem Bruchteil des Preises erwerben kann?
Was wäre beispielsweise, wenn sich Ärzte das Modell Duria zum Vorbild nehmen, sich zusammenschließen, besser noch ein bestehender Zusammenschluss von Ärzten aktiv wird, um einen der vielen unabhängigen Softwareanbieter von Praxis-EDV-System auszugucken, um dessen wettbewerbsfähige Software für eine neu zu gründende Genossenschaft à la Duria zu übernehmen? Die Vorteile einer zeitgemäßen Software und einer Genossenschaft kombinieren, so dass es auch für Ärzte, die ein reinrassiges Windows-Programm wollen, sehr attraktiv ist. Selbst ein Anteil von 51 Prozent an einem solchen Softwarehersteller sollte ausreichend sein, die Vorteile für die Ärzteschaft zu nutzen.
Duria hat 2.700 Mitglieder, von denen jeder einen Genossenschaftsanteil in Höhe von 500 Euro erworben hat. Mit anderen Worten, für eine Million Euro ist die Duria Genossenschaft Besitzer einer eigenen Arztpraxissoftware. Der Markt ist groß genug für eine zweite Genossenschaft und vom Wettbewerb würden alle Ärzte profitieren, auch Duria-Anwender.
Ach so, Sie wissen gar nicht, warum Sie das jetzt gelesen haben. Stimmt, den wichtigsten Aspekt haben wir bis jetzt unterschlagen. Stellen Sie sich einmal vor, ein Anbieter für Praxissoftware in einer marktbeherrschenden Stellung würde nicht nur die Preise deutlich erhöhen, wie in der Vergangenheit mehrfach passiert, sondern irgendwann einmal seinen „lieben Kunden“ verkünden, dass diese ab dem 1.1.2014 nur noch die nagelneue Softwaregeneration aus seinem Hause nutzen können. Selbstverständlich können alle Kunden, die schon bisher ein System dieses Anbieters nutzen, ihre Daten von ihrem Servicepartner ins neue System zu einem Discount-Preis komplett transportieren lassen. Für Kunden, die bei der Gelegenheit das Softwarehaus komplett verlassen wollen, fallen für die Bereitstellung der Daten pro System leider 8.000 Euro pauschal an. Und leider können auch nicht alle Daten eins zu eins übernommen werden. Und leider dauert es ein wenig mit der Bereitstellung, die Praxis müsste leider zwei Wochen schließen. Es ist ganz erstaunlich, welche Probleme es bei der Auflösung einer Geschäftsbeziehung geben kann, wenn eine der beiden Seiten über hohe Marktmacht verfügt und sich die andere Seite in der Rolle eines Bittstellers befindet.
Jetzt eine rein fiktive Betrachtung. Angenommen, ein Anbieter hätte die Hälfte des Marktes mit verschiedenen Praxis-EDV-Systemen aus seinem Hause versorgt. Für einen Wechsel zu einer völlig neuen Software, aber aus eigenem Hause, bietet der Anbieter ein Migrationstool, welches optimal auf die Aufgabe abgestimmt ist, problemlos funktioniert und zudem kostenlos ist. Das bisschen Anpassung vor Ort machen dann ggf. die lokalen Betreuer.
Will ein Kunde dagegen den Hersteller wechseln, zahlt er erstens 8.000 Euro. Zusätzlich noch die Anpassung vor Ort. Und jetzt kommt es. Wenn auf einen Schlag mehrere tausend Anbieter den Softwareanbieter wechseln wollen, wie viele von denen werden bis zum 1.1.2014 auch sicher die neue Software haben? Wird es auf Grund von Kapazitätsengpässen nicht automatisch dazu kommen, dass ganz viele Kunden erzwungenermaßen beim Marktführer bleiben müssen? Denn bei dem geht „alles ganz einfach“, so zumindest dürften die Versprechungen lauten.
Wiederum rein fiktiv. Wie jedermann weiß, neue Software kostet. Also werden beim Softwarewechsel gleich die Preise mit angepasst, sprich erhöht. Gleichzeitig fallen die tatsächlichen künftigen Softwareanpassungskosten des Marktführers auf einen Bruchteil. Ergebnis: Bei deutlich höheren Einnahmen, Softwarekosten steigen, und sehr stark fallenden Ausgaben, statt vieler Praxisprogramme nur noch eines, explodiert der Gewinn. Die Aktionäre könnten geradezu darauf drängen, haben Sie doch ihr Geld in ein Unternehmen mit hohen Gewinnerwartungen investiert. Wurde schon erwähnt, dass die Hotline dann ebenfalls pro Anruf Geld kosten könnte? 3 Euro pro Minute, auch das sind echte Kosten von 180 Euro pro Stunde. Der Arzt setzt in der Zeit nur einen Bruchteil davon um. Und die Ärzte werden überhaupt keine andere Chance haben als zu bezahlen.
Oder aber sie kümmern sich ab sofort präventiv um das Thema. Denn wenn die Ärzte jetzt eine zweite genossenschaftliche Lösung auf den Markt bringen, dann könnten in wenigen Jahren dort mehr als 10.000 Ärzte Nutzer dieser Lizenz sein. Würde dann der Marktführer das versuchen, was man ihm möglicherweise zu Unrecht unterstellen könnte, dann stünde ein sehr großer unabhängiger Anbieter bereit, der wechselbereite Ärzte nicht aus Kapazitätsgründen ablehnen müsste.
Schon heute fragen sich viele Nutzer, warum ihre Praxissoftware trotz schnellerer Rechner immer langsamer wird. Warum immer neue Programme, die keiner bestellt hat, die aber automatisch mit dem Programmstart aufgerufen werden, das System belasten. Warum man nur noch eine einzige Medikamentendatenbank eines ganz speziellen Anbieters einbinden kann, während man vor einigen Jahren noch die Auswahl aus mehreren Datenbanken hatte. Welcher Anwender würde sich freiwillig Programme wie ifox, DocPortal, Verax und ähnliches mehr ans Bein binden?
Übrigens müssten auch ganz viele Softwarebetreuer, die derzeit eine von mehreren Softwarelösungen des Marktführers betreuen, an einer solchen neuen genossenschaftlichen Lösung interessiert sein. Denn wenn irgendjemand eines Tages auf die Idee kommen sollte, aus vielen Systemen zum Stichtag 1.1.2014 ein einziges zu machen, dann wären ganz viele Softwareanbieter von heute auf morgen aus dem Geschäft. Ein Softwarebetreuer mit Monokultur, also nur ein Produkt in der Betreuung, ist vom Hersteller noch abhängiger als die Ärzte, die das System nutzen. Kündigt der Softwarehersteller den Vertrag termingerecht auf, der Softwarebetreuer steht mit leeren Händen dar. Und wer braucht in einer Region mit fünf Service Partnern für fünf unterschiedliche Softwarelösungen noch alle fünf, wenn man alle Kunden auf eine einzige Lösung umgestellt hat? Mindestens drei Softwarebetreuer sind dann überflüssig.
Es wäre somit auch einer Überlegung wert, auch Softwarebetreuer mit in die Genossenschaften aufzunehmen.
Ach, man könnte so viel, wenn man es nur wollte. Das Problem: Man muss es halt wollen. Und bevor man so weit ist, muss das Problem zuerst einmal verstanden worden sein.
Sollten Sie das Problem nach der Lektüre dieses Beitrages verstanden haben, haben wir von www.brain2doc.de unseren kleinen Teil zur Lösung beigetragen. Jetzt sind Sie an der Reihe. Übrigens. Dass eine Genossenschaft, die auf dem Wege ihre eigene Praxissoftware herstellt, kein Verlustgeschäft werden dürfte, macht die Sache für die Ärzte bestimmt nicht unattraktiver.
www.brain2doc.de am 28.9.2010