Die PKV hatte vor einigen Wochen eine neue Titanic vom Stapel gelassen. Zwangseingewiesene Passagiere sind niedergelassene Ärzte. Die berüchtigte Besatzung, allesamt Helfershelfer aus den eigenen Reihen, hat ihre (In-?)Kompetenz in Sachen gezielter Schiffsversenkung auch dieses Mal erfolgreich demonstrieren können. Aktuelle Schadenslage nach mehrfachen Eisbergkontakten: Starker Wassereintritt unterhalb der Wasserlinie, Lenzpumpen zerstört, Sicherheitsschotte funktionsunfähig, Besatzung bereits am rettenden Ufer, Passagiere wurden vorsätzlich nicht informiert.

Während das Schiff unwiderruflich sinkt, vergnügen sich die Passagiere noch im großen Ballsaal beim Spiel „Gruppenweises Schwimmen als Trockenübung“. Die Passagiere halten die Schieflage des Schiffes für einen besonderen Gag der Reederei PKV. Auf die Idee, selbst Teil eines gezielt angezettelten Untergangs zu sein, kommen selbst die Sprecher der Passagiere auch dann noch nicht, nachdem die eigenen Füße schon vom Wasser umspült sind.
Derweil sind beim Reeder schon die Champagnerflaschen kaltgestellt. Der nächste Eisberg wird den Kahn schon absaufen lassen und die Reederei kann die Rendite einfahren.

Es kann weder Zufall noch Unvermögen sein, wenn die Ärztevertreter nach den heftigen Attacken der PKV auf die Steigerungssätze der GOÄ schweigen. Für rationale Menschen kommt bei dem Szenario nur noch eine einzige Erklärung in Betracht: Vorsatz, bzw. in diesem Falle Mittäterschaft. Denn so blöd, die offensichtliche Strategie der PKV nicht zu extrapolieren und daraus Rückschlüsse für die Ärzteschaft zu ziehen, kann doch wirklich niemand sein. Oder haben die Ärztefunktionäre wirklich nicht einmal so viel Ahnung, dass sie das Offensichtliche erkennen können?

Da kommuniziert die PKV seit Monaten, dass aus ihrer Sicht die Ausgabensteigerungen unbedingt eingedämmt werden müssen. In erheblichem Umfange werden dafür Pharmaindustrie und die niedergelassenen Ärzte verantwortlich gemacht. Aus unterschiedlichen Gründen muss die PKV daran interessiert sein, dass ihre Versicherungsprämien nicht völlig unkontrolliert steigen. Die Prämien steigen, wenn die Ausgaben steigen. Sollen die Prämien weniger stark steigen, muss der Ausgabenanstieg gebremst werden. Ausgaben entstehen, weil Versicherte Leistungen, die Mengenkomponente, zu bestimmten Preisen, die sind in der GOÄ mit ihren Steigerungssätzen hinterlegt, in Anspruch nehmen. Will man die Ausgaben reduzieren, kann die nachgefragte Menge und/oder der Preis für die Leistungen reduziert werden.

Viele Jahre hatte die PKV keine Möglichkeit, auf die Ausgaben für den ambulanten Bereich Einfluss zu nehmen. Mit dem, im Prinzip mehr gehassten als geliebten, Basistarif hatte die PKV jetzt die Möglichkeit, neue Steigerungssätze zu vereinbaren. Dank der tatkräftigen Mithilfe der KBV hatte es die PKV geschafft, für den Basistarif Steigerungssätze zwischen 0,9 und 1,2 zu vereinbaren. Gegenüber dem „normalen“ Steigerungssatz bei ärztlichen Untersuchungen von 2,3-fach bedeutet 1,2-fach quasi eine Halbierung des Honorars. Nun mögen Unbedarfte argumentieren, dass es derzeit bundesweit weit weniger als ein Prozent aller Privatpatienten in dem Basistarif gäbe. Und die werde man schon verschmerzen.

Oh heilige Einfalt, können Ärzte wirklich so beschränkt sein? Es geht hier doch gar nicht um „weniger als ein Prozent aller Privatpatienten“. Dieser von der KBV ausgehandelte Tarif ist für die PKV das Einfallstor, um die Steigerungssätze der GOÄ insgesamt zu senken. Wenn der KBV-Chef einen Steigerungssatz von 1,2 für angemessen und damit kostendeckend hält, warum sonst hätte er dem zustimmen sollen, wieso soll die PKV in irgendeinem anderen Tarif auch nur einen einzigen Cent mehr als beim 1,2-fachen Satz zahlen? Wie die PKV das Thema anpackt, darüber sollten sich die Ärzte keine Gedanken machen. Dass die PKV das Thema angehen wird, sollte spätestens nach den Presseerklärungen von PKV und KVB sowie dem Gespräch mit der Presse klar sein.

Daher forderte Leienbach [Direktor des PKV-Verbandes] ein generelles Verhandlungsmandat für die PKV, um in Partnerschaft mit den Ärzten stärker Einfluss auf Qualität, Mengen und Preise von Gesundheitsleistungen nehmen zu können. „Dazu gehört auch eine Öffnungsklausel in den Gebührenordnungen für Zahnärzte und Ärzte, durch die mit den Leistungserbringern auf freiwilliger Basis abweichende Vereinbarung getroffen werden können.“ Quelle Facharzt.de

Wie die „freiwillige Basis“ aussehen kann, dazu hat die PKV in Zusammenarbeit mit der KVB schon einen Vorgeschmack gegeben. Erst erhalten die Ärzte ein Siegel. Das kostet die PKV nichts, verpflichtet Ärzte aber zu zusätzlichen Ausgaben. Belohnung seitens der PKV, die Ärzte werden auf der Homepage der PKV als besonders qualifiziert ausgewiesen. Alleine die Angst, dass der Nachbar auf der Seite genannt werden könnte, während der eigene Name fehlt, wird die Ärzte in dieses Programm treiben. In Bayern sind schon 5.000 Ärzte der KVB in dieser Richtung auf den Leim gegangen. Damit hat sich die Frage erübrigt, ob das funktionieren wird. Es funktioniert.

Zudem will die PKV das Siegel-Prinzip auf das Bundesgebiet ausdehnen. Im nächsten Schritt wird mit diesen Ärzten über die Steigerungssätze bei der GOÄ gesprochen. „Wir bieten euch einen bevorzugten Zugang zu unseren Privatversicherten – dafür kommt ihr uns bei den Steigerungssätzen etwas entgegen.“ So nach dem Motto könnte das laufen. Wie es im Detail laufen wird, bleibt abzuwarten. Dass es in der groben Richtung zumindest genau so angedacht sein dürfte, daran kann man kaum noch Zweifel haben.

Weder der KBV noch der KVB kann man da irgendwelche Vorwürfe machen. Die klammern sich an jeden Strohhalm, der Aussicht auf Erhalt der eigenen Existenz bieten könnte. Aber was ist mit all den Berufsverbänden, den fachärztlichen genau so wie den hausärztlichen, mit den sonstigen Organisationen und Interessenvertretungen der Ärzteschaft? Merken die alle nicht, wohin die Reise geht?

Liebe Ärztefunktionäre,
egal wie lange ihr schon die Interessen eurer Mitglieder für ein paar Silberlinge verhökert und euch auf Kosten eurer Mitglieder bereichert habt, dieses Mal geht es auch euch an den Kragen. Es hat euch bisher nicht tangiert, dass die Honorare im GKV-Bereich drastisch eingebrochen sind – ihr hattet ja viele extrabudgetäre Leistungen und außerdem noch die hohen Erlöse aus der Behandlung von Privatpatienten. Aber genau diese Erlöse aus der Privatliquidation, mit denen Ärzte immer stärker den GKV-Bereich subventionieren müssen, die fehlen irgendwann. Wenn ein Arzt weder im GKV- noch im PKV-Bereich Überschüsse erzielen kann – dann hat er keine Chance mehr. Er geht unter.

Gestern standet ihr noch Seit an Seit mit den KV-Funktionären, die den Untergang der Ärzteschaft selbst organisiert haben. Morgen werdet ihr von der Allianz aus PKV und willfährigen Handlangern aus dem KV-System selbst abgewickelt. Aggressives Schweigen, Kopf in den Sand und welche Strategien auch sonst noch so angedacht werden, nichts davon wird auch euren wirtschaftlichen Ruin verhindern können.

Muss man noch darauf hinweisen, dass nach den Ärzten die Zahnärzte dran sein werden?

www.brain2doc.de 05. März 2010