For sale - wie Funktionäre die Ärzte verkaufen



Eine Aktiengesellschaft ist eine Kapitalgesellschaft und hat per se das Eigenverständnis, Gewinne zu erwirtschaften. Wer auch immer etwas anderes zu suggerieren versucht, sagt schlichtweg vorsätzlich die Unwahrheit. Inkompetenz kann es nicht sein, denn man darf davon ausgehen, dass die Gründer von Patiomed wissen, was sie tun.

Wenn der Vorstandsvorsitzende der Patiomed AG, Dr. Thomas-F. Gardain, von "… es geht den Gesellschaftern der Patiomed nicht um sichere Renditen" (Quelle) spricht, ist das nichts anderes als ein plumper Versuch zur Ärzteverdummung, insbesondere der jungen Ärzte, die von berufspolitischen und ökonomischen Zusammenhängen noch wenig verstehen.

Wer eine sichere Rendite haben will, der legt sein Geld festverzinslich an. Aktien werfen keine sichere Rendite ab, weiß seit der letzten Wirtschafts- und Bankenkrise selbst Oma Erna hinter ihrem Ofen. Diese Binsenweisheit hat der Vorstandsvorsitzende von Patiomed Gardain als besonderes Merkmal für seine Aktiengesellschaft hervorgehoben. Kann ein Arzt wirklich so naiv sein, darauf reinzufallen? Ja, er kann, wenn er nicht aufgeklärt wird.

Meine Kritik an dem gesamten Vorhaben setzt weniger bei Patiomed selber als vielmehr bei den involvierten Ärztefunktionären an. Vereinfacht formuliert: Von Ärzten aus ihren Honoraren der Gesetzlichen Krankenversicherung exzellent bezahlte Ärztevertreter vertreten nicht die Interessen ihrer zahlenden Klientel sondern ihre ureigenen, persönlichen Interessen. Und diese Interessen stehen den Interessen der Ärzteschaft häufig diametral gegenüber. Überspitzt formuliert: Der von mir bezahlte Anwalt kümmert sich darum, dass die Gegenseite gewinnt. Würde das so deutlich gesagt werden, dann wäre die Botschaft nicht zu überhören.

Das alles kann nur deswegen geschehen, weil die Ärzteschaft die von ihr gewählten Funktionäre nicht ausreichend kontrolliert. Ob es am Willen, der Fähigkeit oder an der Möglichkeit zur Kontrolle fehlt, spielt dabei keine Rolle.
Warum das so ist, darüber gibt die ökonomische Theorie Auskunft. Geeignete Stichworte dazu: Principal-Agent-Theorie und Public Choice. Die jetzt sichtbaren Ergebnisse sind die Folge fehlender Kontrolle.

Die unzureichende Kontrolle führt dazu, dass die Funktionäre nicht den Nutzen ihres Auftraggebers (= Ärzteschaft) sondern den eigenen Nutzen (= Funktionäre) steigern.

In diesem Beitrag geht es darum, genau dieses Auseinanderklaffen von Interessen der Ärzteschaft als Auftraggeber (im Sprachgebrauch der Ökonomen: Principal) auf der einen Seite und ihrer gewählten und von ihr fürstlich bezahlten Vertreter (im Sprachgebrauch der Ökonomen: Agent) auf der anderen Seite, deutlich zu machen.

A
Der Agent, also der exzellent bezahlte Funktionär, weiß, dass eine Niederlassung für Ärzte aus finanziellen Gründen sehr oft nicht mehr attraktiv ist.

Zitat aus dem Interview von Gardain, wobei sich KBV- und KV-Funktionäre ähnlich geäußert haben:
"Der Weg in die klassische Niederlassung ist für einige Ärzte nicht attraktiv, auch wegen des hohen finanziellen Risikos" (Quelle).

Schlussfolgerung: Das Risiko ist gemessen an den (Verdienst-)Chancen zu hoch. Ursache: Ärzte werden zu schlecht für ihre Arbeit honoriert.



B
Wenn jetzt eine Kapitalgesellschaft wie Patiomed genau das Risiko eingeht, welches ein einzelner Arzt für sich unter Kosten-Nutzen-Aspekten ablehnt, stellt sich doch zwangsläufig die Frage nach den Gründen. Warum geht Patiomed ein Risiko ein, das einzelne Ärzte scheuen?

Mögliche Gründe sind:

1. Die Kapitalgesellschaft Patiomed ist in der Lage, die gleiche Leistung zu niedrigeren Kosten zu erbringen als ein niedergelassener Arzt.

2. Die Kapitalgesellschaft Patiomed erhält für die gleiche Leistung ein höheres Honorar als ein niedergelassener Arzt.

In beiden Fällen würde sich das Kosten-Nutzen-Verhältnis zu Gunsten von Patiomed verbessern.

Zu 1.: Kapitalgesellschaften können zu niedrigeren Kosten arbeiten
Wenn dem so wäre, dann wären u. a. alle von den KVen in der Vergangenheit beschlossenen Zuschläge für MVZ ungerechtfertigt gewesen. Dass ein Anbieter im Wettbewerb kostengünstiger als ein anderer agieren kann, ist normal. Eine kostengünstigere Variante jedoch vorsätzlich und auf Dauer zu subventionieren, das wird niemand verstehen, der seine fünf Sinne beisammen und von Ökonomie den Hauch einer Ahnung hat.
Ein Anbieter, der nicht wie ein "normal" niedergelassener Arzt als Selbständiger im Unternehmen arbeitet, muss mit zusätzlich angestelltem Personal arbeiten. Wenn ein niedergelassener Arzt mit den Einnahmen aus vertragsärztlicher Tätigkeit nur deswegen überleben kann, weil er sich selbst in extenso ausbeutet und sich im ökonomischen Sinne völlig irrational verhält (siehe auch hier), dann ist eine Kapitalgesellschaft mit ihrem erheblich größeren Wasserkopf bei gleichen Bedingungen nicht überlebensfähig.

Plakatives Beispiel: Der "kleine Handwerker" um die Ecke hat bei Telekommunikationsarbeiten deutlich niedrigere Stundensätze als T-Systems. Er erbringt gleiche Leistungen zu deutlich niedrigeren Kosten. T-Systems könnte zu den Stundensätzen des Handwerkers nur hochdefizitär arbeiten, da T-Systems einfach teurer ist. Alternativ ein Vergleich aus dem stationären Sektor. Ein Bett in einer großen Universitätsklinik (Maximalversorgung) kostet deutlich mehr als in einem Kreiskrankenhaus (Basisversorgung). Eine Blinddarmoperation kostet im Kreiskrankenhaus somit deutlich weniger als in einem Krankenhaus der Maximalversorgung. Würden beide Krankenhäuser exakt das gleiche Honorar für eine vergleichbare Behandlung erhalten, dann würde das kleinere Kreiskrankenhaus eine schwarze Null schreiben und die sehr viel größere Uniklinik mit ihren hohen Verwaltungskosten würde hohe Verluste einfahren.

Ein angestellter Arzt ist pro Jahr ca. 1840 Stunden (230 Arbeitstage mal 8 Stunden) für seinen Arbeitgeber tätig, wobei hier Weiterbildung, Nacht-, Wochenend- und Bereitschaftsdienste und ähnliches in die reguläre Jahresarbeitszeit eingehen. Ein niedergelassener Arzt kommt nicht selten auf 2.500 Stunden Arbeit am Patienten, plus Bereitschaftsdienste und Weiterbildungen. Ein Angestellter kann sich dank sozialer Sicherungssysteme für mehrere Wochen ohne wesentliche Einbußen krankschreiben lassen, wenn er mal eine fieberhafte Erkältung hat. Ein selbständiger Arzt ist erst dann krank, wenn wirklich überhaupt nichts mehr geht.
Daraus folgt, dass ein Selbständiger per se sehr viel produktiver als ein Angestellter arbeitet. Die Konsequenz daraus: Ein selbständiger Arzt bietet seine Dienstleistung zu niedrigeren Kosten als ein Unternehmen mit angestellten Ärzten an.

Zu 2.: Leistungen der AG werden höher honoriert als bei anderen
Schon heute werden Leistungen in einem MVZ höher honoriert als in Einzelpraxen. Dieser Zuschlag reicht aber nicht aus, um den Verwaltungsoverhead einer AG zu finanzieren.
Wenn die AG in ihrem Geschäftsmodell sogar davon ausgeht, dass sie nicht unerhebliche Gewinne einfahren wird, dann bleibt nichts anderes übrig, als dass die AG für dieselbe Leistung höher honoriert werden muss als ein "normaler" niedergelassener Arzt. Aus ökonomischer Sicht stellen unterschiedliche Preise für identische Leistungen eine eindeutige Wettbewerbsverzerrung dar. Aus welchem Grunde sollte eine Kassenärztliche Vereinigung einer bestimmten Anbieterform höhere Honorare zugestehen als einer beliebigen anderen Anbieterform? Vor allem vor dem Hintergrund, dass „das letzte Glied in der Kette“, der Arzt in Einzelpraxis, für eine Besserstellung anderer Anbieter (BAG, MVZ, Patiomed-Anhängsel) mit zusätzlichen Honorarkürzungen leben müsste? Damit eine AG ein höheres Honorar als ein normaler Arzt bekommen kann, muss jemand genau das erst einmal beschließen! Und dieser "jemand" sitzt typischerweise in einer KV, häufig ganz oben in dieser Organisation.

Sieht man sich nun die verzweifelt bemühten Statements aus diesem Personenkreis zu ihrem Engagement in Patiomed an, stellt man fest, dass exakt die Funktionäre, die auf die Honorarhöhe entscheidenden Einfluss hat, auch an einer positiven Geschäftsentwicklung von Patiomed interessiert sind. Natürlich nicht als Einzelperson, schließlich ist man ja nur Stifter. Aber die gegründeten „KV-nahen“ Kapitalgesellschaften, die einen Gewinn zur Förderung des niedergelassenen Bereiches verwenden wollen, die profitieren davon. Da fragt sich der externe Beobachter: Wieso sind diese Herrschaften angeblich so altruistisch unterwegs? Spenden die alle nur ihr privates Geld in eine Stiftung, damit die niedergelassene Tätigkeit gefördert wird? Und sowohl Ärzte als auch Volkswirte sind halt nur zu doof, das zu kapieren?

Schön wäre es ja, falls es so wäre. Aber die Wahrheit dürfte ganz anders aussehen. Erst haben KV-Vorstände eine Stiftung aus der Taufe gehoben. Diese hat dann eine Firma gegründet, die sich dann wiederum über Zwischenstationen mit anderen an der Patiomed AG versucht. Die Aktionäre von Patiomed sind anscheinend mehr oder minder der ärztlichen Nomenklatur zuzuordnen. Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung kontrollieren den Deutschen Ärzteverlag, in den Aufsichtsgremien der Apo-Bank sind auch alle vertreten, die gegründete GmbH ist eine Tochter der Stiftung, das Schweizer Unternehmen soll irgendwie auch nichts anderes als eine Tochter der Apo-Bank sein.
In dieser undurchsichtigen Konstellation fallen ganz sicher auch viele Posten und Pöstchen für die Beteiligten ab. Der Obulus für das Stiftungsvermögen dürfte eine Petitesse gegen das sein, was man später über Tantiemen, Aufwandsentschädigungen, Vorträge, Sitzungsgelder etc. einfahren kann.

Würde es sich hier nicht um eine eher innerärztliche Angelegenheit handeln sondern um einen Staat in einem fernen Land, dann gäbe es bei der Begrifflichkeit keine Zweifel: Vetternwirtschaft. In einem südlicheren Land Europas wäre man vielleicht geneigt, die Beteiligten als Mitglieder der "Ehrenwerten Gesellschaft" mit Don anzusprechen.

C
Damit eine AG Gewinne einfahren kann, das gilt also auch für Patiomed, müssen die Einnahmen die Ausgaben zwingend übersteigen. Reduziert man die Einnahmen auf das Betätigungsfeld "vertragsärztliche Versorgung" und unterstellt man gleichzeitig, dass die Kassen keine empfängergebundenen zusätzlichen Mittel über die mit befreiender Wirkung hinaus gezahlte Gesamtvergütung zahlen, dann gilt:

Die AG kann pro Leistung nur dann höher honoriert werden
wenn kompensatorisch andere Empfänger wie Einzelpraxen für die gleiche Leistung (noch) schlechter als bisher honoriert werden.

Mit anderen Worten: Wir erleben ein Revival der Zuschläge für spezielle Gruppen. Honorartechnisch bedeutet dies, dass die höhere Honorierung für die AG im Vorwegabzug passieren muss. Das daraus resultierende Ergebnis kennt die Ärzteschaft auch schon: Sinkende RLV, die früher Budgets hießen.

Die Alternative, dass eine AG zu "niedrigeren Stückkosten" als beispielsweise eine Berufsausübungsgemeinschaft produzieren kann, ist Utopie.

Um es an einer Überschlagsrechnung deutlich zu machen:
Die AG will in weniger als zehn Jahren 100 Anbieter in einem franchiseähnlichen Verfahren koordiniert haben. Die sollen im Jahr 2020 einen Profit von 55 Mio. Euro pro Jahr einfahren. Pro Anbieter muss die AG also ca. 550T an Profit erwirtschaften - und natürlich noch die Overhead-Kosten in Form von Verwaltung und Vertrieb. Bei einem Konzern mit insgesamt 2.200 Mitarbeitern und einer angenommenen Quote im Verwaltungsbereich von 10 Prozent, bei Personalkosten pro Mitarbeiter von 60T p. a., müssen alle Anbieter zusammen noch einmal 13,2 Millionen Euro erwirtschaften.

Die Summe aus 550T plus 132T ergibt, dass ein Anbieter also 682T an die Konzernzentrale überweisen muss. Weniger als fünf Ärzte werden in solch einem Zentrum nicht arbeiten, also mindestens 500 Ärzte. Plus 750 Arzthelferinnen - da blieben noch 430 Mitarbeiter für den Rest, die zum Kernbereich der AG gehören. Geht man von 6 Ärzten pro Anbieter aus, dann bleiben für die Verwaltung noch 180 Mitarbeiter.
Ob 5 oder 6 Ärzte pro Anbieter, macht keinen großen Unterschied. Pro Arzt muss ein Überschuss (!) von weit über 100T pro Jahr erwirtschaftet werden, damit die Kalkulation von Patiomed aufgeht.

Wie ein selbständiger Arzt mit heutigen Umsätzen aus vertragsärztlicher Tätigkeit in Höhe von 150T pro Jahr dann auch noch einen Überschuss von über 100T erwirtschaften soll, ist eine spannende Frage.

Ich will einmal versuchen, die Antwort "rückwärts" zu finden.
Ein angestellter Facharzt kostet einen Arbeitgeber inklusive Lohnnebenkosten derzeit nicht weniger als 80T. Für 1,5 Arzthelferinnen sind auch 45T zu investieren, woraus reine Personalkosten in Höhe von 125T resultieren. Anteilige Mietkosten (ca. 10T), EDV (1T), Buchhaltung (1T), Bürobedarf (1T), Telekommunikation (1T), Versicherungen (1 T), Aus- und Weiterbildung (3T) - das dürfte sich in der Summe auf weitere 20T belaufen. Dazu noch die Investitionen, pro Arzt ca. 100T und auf 8 Jahre abzuschreiben, macht weitere 12,5T. Dazu die Kapitalkosten, die Freunde von der Apo-Bank kennen beim Geschäft vermutlich keine Freunde, also ein Zinssatz von 5%, gleich 5T.

Kurz summiert: 125T (Personal) plus 20T (sonstige Ausgaben) plus 17,5T (Kapitalkosten) ergibt in der Summe ca. 160T.

Aus vertragsärztlicher Tätigkeit ca. 150T erwirtschaften und Kosten von 160T produzieren - das passt nicht. Bei Kosten von 160T und einer Gewinnabführung von über 100T muss schon mal ein Umsatz von mindestens 260T pro Arzt erzielt werden. Das wiederum ist ein Betrag, den ein Hausarzt in Einzelpraxis selbst inklusive aller anderen Einnahmearten (Privatpatienten, Gutachten, BG-Patienten, .....) nicht erzielt. Nimmt man keinen Hausarzt sondern einen Facharzt mit sehr viel höherem Aufwand bei Personal, Technik, Investitionen, Wartungs- und Betriebskosten, kommt man mit Kosten von 160T erst recht nicht hin.

Vielleicht kann einer der beteiligten Ärztefunktionäre erklären, wie das Geschäftsmodell funktionieren soll? Es gibt eine ganze Reihe von Ärzten, die erzielen diese Umsätze pro Arzt nicht einmal inklusive der Privatpatienten. Und wir sprechen hier von "Schmalspur"-Ärzten. Bei 1,5 Mitarbeiterinnen pro Arzt ist keine radiologische Praxis dabei, keine hausärztliche, keine internistische, keine mit Teilgebietsradiologen - nichts dergleichen. Mit dem Stellenschlüssel, pro Arzt 1,5 Mitarbeiterinnen, kann man sicherlich konservative gynäkologische, augenärztliche, neurologische oder HNO-Praxen betreiben - aber der Rest?

Würde man noch berücksichtigen, dass die AG gemäß Verträge mit einer „Gemeinsamen Betreibergesellschaft der Ärzte des Versorgungszentrums“ schließt, steigt der Verwaltungsaufwand nochmals an. Denn auch die Betreibergesellschaft produziert Kosten, die von den Ärzten zusätzlich zu den Abgaben an Patiomed erwirtschaftet werden müssen.
Mit anderen Worten: Dieses Geschäftsmodell funktioniert so nicht. Das klappt nur dann, wenn die AG Patiomed für gleiche Leistungen deutlich besser honoriert wird als andere Anbieter (Einzelpraxen, Berufsausübungsgemeinschaften). Unter „deutlich besser“ ist weniger eine Steigerung um 10 oder 15 Prozent zu verstehen als vielmehr eine Verdopplung.

D
Die Stifter, also KV-Vorstände die nicht genügend Rückgrat haben um sich zu outen, beteiligen sich vorsätzlich an dem Unternehmen Patiomed.

Und da gemäß dem Vorstandsvorsitzenden von Patiomed gilt:
Die KBV oder die KV dürfen hierfür keine Gelder verwenden und sich auch nicht an der AG beteiligen. Hier wurde mit der KVmed GmbH beziehungsweise KVmed Beteiligungs GmbH ein Weg gefunden, mit Hilfe und finanzieller Beteiligung von Partnern das gewünschte Vorhaben der Gründung der Patiomed zu realisieren, ohne dass Partner oder sonstige Dritte an der AG beteiligt werden müssen. Die Patiomed soll sich immer und ausschließlich in der Hand von Ärzten und Organisationen der Ärzteschaft befinden. Dies macht auch unser Leitmotto deutlich: „Von Ärzten für Ärzte“. sollte man davon ausgehen, dass die Stifter genau wissen, was sie tun. Daran darf man durchaus berechtigte Zweifel haben. Denn wenn die KV-Vorstände dem Vorstandsvorsitzenden von Patiomed zugehört hätten, hätten sie erfahren:
Wir stehen vor einer Situation, in der sich in den nächsten zehn Jahren ein gravierender Haus- und Facharztmangel entwickelt, der auch die Krankenhäuser betrifft. Es wird sich ein heftiger Konkurrenzkampf um junge Ärzte zwischen Krankenhäusern und Vertragsärzten entwickeln, damit die ärztliche Versorgung im Krankenhaus und die Praxisnachfolge im Niedergelassenen Bereich überhaupt gesichert werden kann.
Wie kann ein KV-Vorstand, der von einem gravierenden Ärztemangel ausgeht, heute alles unterlassen, um diesem Ärztemangel entgegen zu wirken? Patiomed beschreibt es vollkommen korrekt, es wird einen heftigen Kampf um junge Ärzte geben. Und das Instrument, um einen Arzt für sich zu gewinnen, ist bekannt: Eine bessere Bezahlung als der Wettbewerber.

Schlicht strukturierte Ökonomen würden bei dem Szenario von KV-Vorständen erwarten, dass sie heute aktiv werden, am besten schon gestern aktiv geworden wären, um den Ärztemangel morgen erst gar nicht zuzulassen. Mittlerweile hat es sich auch schon bei einigen KV-Vorständen rumgesprochen, dass das Honorar wohl insgesamt deutlich zu niedrig ist, um für den Nachwuchs attraktiv zu sein (s. o.). Wenn das schon der Vorstandsvorsitzende der Patiomed AG weiß, warum dann nicht die KV-Vorstände? Immerhin ist der Vorstandsvorsitzende der Patiomed AG so etwas wie ein Angestellter der KV-Vorstände und Angestellte informieren ihren Arbeitgeber frühzeitig über wichtige Entwicklungen. Man darf also davon ausgehen, KV-Vorstände wissen Bescheid.

Nicht nur, dass die KV-Funktionäre sich an einem Unternehmen beteiligt haben, das Profite erst nach vorherigen "Marktaustritten" von niedergelassenen Ärzten realisieren kann, die KV-Vorstände scheinend das schon billigend in Kauf genommen zu haben. Es geht sogar noch weiter. Die KV-Vorstände setzen sich offenkundig sogar aktiv dafür ein, dass die Anzahl niedergelassener Ärzte über Marktaustritte drastisch fällt, denn anders kann ihr Modell ja kaum funktionieren.

Wenn von Ärzten gewählte Funktionäre in einem bemerkenswerten Verfahren Personen in die Vorstandsebene von KVen wählen, und diese von den Ärzten bezahlten KV-Vorstände auf Kosten der Ärzteschaft nichts anderes zu tun haben, als sich jetzt auf die Situation "nach dem Untergang der niedergelassenen Ärzteschaft" vorzubereiten, um selbst davon zu profitieren - dann erinnert mich das sehr an das südlichere Europa. Dort flossen Milliarden der EU in Regionen zum (Wieder-)Aufbau. Ob Erdbeben, Vulkanausbruch oder einfach nur Infrastrukturprojekte, die Mittel sind geflossen. Heute ist das Geld weg, die Schäden noch da und die Taschen der ehrenwerten Gesellschaft sind nicht leerer geworden.

Respekt. Das haben die Drahtzieher gut hinbekommen.



E
Das gesamte Geschäftsmodell von Patiomed kann nur funktionieren, wenn ärztliche Arbeit im Wirkungsbereich von Patiomed in Zukunft sehr viel höher als derzeit bezahlt wird (siehe unter D). Daraus folgt aber im Umkehrschluss, dass die KV-Vorstände wissen, dass die ärztliche Arbeit heute deutlich zu schlecht bezahlt sein muss. Denn ein Ärztemangel würde niemals eintreten, wenn Ärzte immer angemessen bezahlt werden würden.

Hält man an der Stelle also fest, dass auch die KV-Vorstände der Auffassung sein müssen, dass Ärzte heute nicht angemessen bezahlt werden, dann liegt ein bekannter Sachverhalt aus der ökonomischen Theorie vor: Der Agent (Funktionär) optimiert seinen eigenen Nutzen zum Schaden seines Principals (Arzt).

Gegen die unzureichende und nicht angemessene Honorierung der eigenen Klientel nichts bzw. das Falsche, egal ob aus Vorsatz oder aus Unvermögen heraus, zu tun, ist eine Sache. Im zeitlichen Kontext zu Meldungen über die Aktivitäten von Patiomed seitens der KBV Meldungen zu lancieren, nach denen ein Facharzt ein Jahreshonorar von 203.000 Euro hat, eine andere Sache. Wenn den fachärztlich tätigen Internisten in der Tageszeitung WELT unterstellt wird, dass sie mit einem Jahreshonorar von 450.000 Euro Spitzenverdiener sind und dies auf von der KBV bereit gestellte Informationen zurück geht, kommt man schnell ins Grübeln. War das Unvermögen oder hat die KBV vorsätzlich entsprechende Infos gestreut?

Bekanntlich kennt Doofheit keine Grenzen. In Kenntnis dessen, was die KBV am 19.08.2010 in die Öffentlichkeit gebracht hat, sollte man Doofheit durch "Doofheit und Inkompentenz bei Ärztefunktionären" ersetzen. Selbstverständlich kennt Dr. Köhler den Unterschied zwischen den Umsätzen, bei Ärzten häufig Honorar genannt, und dem Einnahmenüberschuss - von Nicht-Ärzten gerne, aber leider in der Sache völlig falsch, als Honorar der Ärzte verstanden.

Obwohl, diese Aussage ziehe ich besser zurück. Ärztefunktionäre sind weder doof noch inkompetent. Sie verhalten sich als Eigennutzoptimierer viel rationaler als Otto Normalarzt. Während sich Otto Normalarzt um die Interessen seiner Patienten kümmert, kümmern sich die Ärztefunktionäre schon seit langer Zeit nur noch um ihre eigenen Interessen. Erinnerungen an vergangene Zeiten werden wach. Damals verscherbelte die Treuhand in dubioser Manier viel Vermögen – und zufälligerweise profitierten davon in nicht geringem Umfange Mitglieder von Seilschaften.

Haben sie sich lange und intensiv darum gekümmert, wird Otto Normalarzt wegen zu geringer Einnahmen aus vertragsärztlicher Tätigkeit zum Marktaustritt gezwungen, während der neue Stern am Börsenhimmel Patiomed heißen wird. Wie es schon die ehemalige Bundesgesundheitsministerin erkannt hatte, man kann nicht alle Ärzte zu Millionären machen. Aber immerhin einige.

Sorry, ich habe nicht geglaubt, dass Sie das bis hierhin durchlesen würden. Gegen Patiomed sind die bisherigen Fehltritte bzw. Schienbeintritte des KV-Systems wie EBM, HVV, HVM, Honorarumverteilungen, sinkende RLV, Regresse und ähnliches Gedöns nur Bagatellen. Die Beteiligung, und immer noch standhafte Unterstützung durch eine ganze Reihe von KV-Vorständen - aber längst nicht mehr fast allen, an Patiomed ist kein Betriebsunfall. Einen insuffizienten EBM, HVV, HVM oder unqualifizierte RLVs in die Welt zu setzen, das kann man irgendwie noch mit "das hab ich alles doch gar nicht gewollt" entschuldigen. Das ist zwar beschämend, aber bei der Performance der Beteiligten irgendwie sogar noch zu erklären. Die Patiomed AG hingegen haben KV-Vorstände aus eigenen freien Stücken gewollt. Da gibt es nichts mehr zu entschuldigen. Klingt verdammt nach „Wir lieben Euch doch alle!“.

Eine Randnotiz als Nachlese: Das Wort Patiomed lässt sich vermutlich von Patient und Medizin ableiten. Um Ärzte geht es dabei eher nicht. Das Wort Patient kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Leidender“. Nimmt man nun beide Worte zusammen, könnte man nach dem Dargestellten durchaus folgern, dass es hier um leidende Mediziner handeln könnte, wenn Patiomed seine Ziele erreicht.



Franz-Josef Müller www.brain2doc.de 27. August 2010

Anmerkung 18.12.2010: Die Links zu den Quellen von Patiomed sind momentan (?) nicht erreichbar, somit auch die Quellen.