Quizfrage: Woran erinnert Sie folgender Satz?

„Wenn eine Praxis diese Bedingungen nicht erfüllt, werde sie den Überlegungen zufolge aus dem Plan genommen. In überversorgten Regionen würde dies voraussichtlich dazu führen, dass aufgegebene Praxen nicht mehr nachbesetzt werden könnten. Die Praxisinhaber würden aber nicht enteignet, beruhigte Kopetsch, sondern bekämen von der KV eine Entschädigung. Dazu müsste der Wert der Praxis ermittelt werden.“

Also los: Woran erinnert Sie folgender Satz? Wählen Sie aus:

1. Planwirtschaft
2. Wettbewerb

Zugegeben, wir hätten auch danach fragen können, ob der schiefe Turm von Pisa in Berlin oder in Pisa steht, aber so schwer wollten wir es den Ärzten nun auch nicht machen ;-)

Denn Sie müssen diese komplizierte Materie aus Plan, Lenkung, Steuerung, Verteilung und Entschädigung nicht verstehen, aber als niedergelassener Arzt sollten Sie es! Vor allem dann, wenn Sie vielleicht der Betroffene sind, dessen Lebensarbeit am Ende „… aus dem Plan genommen wird“.

Exakt diesen oben zitierten Satz können Sie ---> hier nachlesen.

Seriöse Ökonomen sind bisher immer davon ausgegangen, dass man begrenzte Mittel am besten im Wettbewerb bewirtschaften kann. Setzt man als Politiker auch im Gesundheitswesen entsprechende Rahmenbedingungen, nennt man das soziale Marktwirtschaft. Bewirtschaftet man hingegen nach einem Plan, so ist das die teuerste aller Varianten, dessen Ergebnisse man aus der DDR kannte.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) will also eine detaillierte vorausschauende Planung für die flächendeckende Versorgung erstellen (Quelle).

Dazu erarbeitet die KBV eine so genannte „kleinräumige Versorgungsanalyse“ (Quelle), mittels der man anschließend steuernd auf das Niederlassungsverhalten des Ärztenachwuchses eingreifen möchte. Gar eine exakte Zahl will die KBV finden, um die Verteilung der Ärzte ganz exakt planen zu können. Merken Sie was? Verteilen, Plan, steuern … alle diese Begriffe haben den Geruch von „Das hat doch nichts mehr mit Wettbewerb zu tun! Das ist Planwirtschaft!“. Stimmt.

Prompt hört man Kritiker, die der KBV unterstellen, sie würde damit den Boden für Patiomed vorbereiten. Erst wird über eine Art ökonomische Enteignung von Arztsitzen in Ballungsräumen verhindert, dass die derzeit noch existierenden Arztpraxen einen Nachfolger finden. Gleichzeitig wird niederlassungswilliger Nachwuchs in die Regionen gedrängt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Sind die Ballungsräume ausgedünnt, wird man von dort lautes Klagen über eine völlig unzureichende ärztliche Versorgung vernehmen dürfen. Und schon steht der Retter in der Not, die von ärztlichen Standesvertretern im Range von KV-Vorständen geschaffene und völlig uneigennützige Patiomed Aktiengesellschaft, bereit. Keine Frage, hat man die Wettbewerber erst einmal aus den guten Lagen zwangsexpatriiert, kann selbst der insuffizienteste Anbieter in einer Prädikatslage noch mit Kundschaft rechnen. Ist der Anbieter nicht nur fachlich unter allen Kanonen sondern auch noch teurer als jeder Wettbewerber, dann muss eben vorab weiträumiger abgeräumt werden. Dann gibt es zumindest auf dem regionalen Markt keine Wettbewerber mehr.

Ist der Zustand erst einmal hergestellt, können die Leute auf die Barrikaden gehen und nach einer Verbesserung der ärztlichen Versorgung in zentralen Innenstadtlagen rufen wie sie wollen. Die KVen werden antworten: Seht her, die KBV hat für uns sogar eine kleinräumige Versorgungsanalyse mit ganz exakten Daten geliefert. Danach müssen zuerst Orte wie Pumpernickelsdorf, Kleinquadrateck oder Übermzaungehänge versorgt werden. In den Orten fehlen noch 20 Internisten, 15 Orthopäden, 17 Gynäkologen …… . Wir verstehen ihr Anliegen ja vollkommen, aber so ist nun mal die Zahlenlage. Und wenn sie ganz ehrlich sind, bei ihnen fehlen von 40 Internisten nur 20, also gerade mal 50 Prozent. Pumpernickelsdorf steht 0,65331 Internisten zu – und davon ist keiner da. Da fehlen also 100 Prozent. Sie sehen also, wir müssen erst einmal die Regionen mit den größten Problemen bedienen.

Sind die Wettbewerber von den Nadelstreifen tragenden Funktionären erst einmal mit legalen Mitteln kalt gestellt worden, die KBV liefert gerade die Vorlage, wird man das Flehen der Bevölkerung und der sie vertretenden Politiker erhören. „Obwohl in Kleinquadrateck immer noch 100% aller Internisten, Orthopäden, Frauenärzte, … fehlen, werden wir vorrangig dafür sorgen, dass in der Landeshauptstadt was getan wird. Die Patiomed Aktiengesellschaft wird sich vorrangig um genau ihr Problem kümmern. Was können wir den vorausschauenden Gründern der Patiomed Aktiengesellschaft nur dankbar dafür sein, dass sie uns so schnell aus dieser misslichen Lage befreien.“

So oder so ähnlich könnte das Drehbuch aussehen, nach dem das Spiel ablaufen soll. Aber ob die anderen die ihnen zugedachten Rollen ohne Murren und Knurren einfach so übernehmen werden? Eher nicht. Womöglich basiert das Drehbuch auch noch auf falschen Annahmen. Das letzte deutschsprachige System, welches der Auffassung war, dass man einen Bedarf ganz exakt ermitteln, planen und auch noch steuern kann, war das System der DDR mit den 5-Jahresplänen, abgenickt von Claqueuren auf den Parteitagen der SED. Genau dieses Wirtschaftssystem, also die Bewirtschaftung nach einem Plan, ging mustergültig und mit Ansage in die Hose.

Ob all die Ärzte in den „überversorgten“ Regionen, die ihre Praxen nicht mehr zu Marktpreisen an Nachfolger veräußern dürfen sondern (dieses Mal ist der Begriff „zwangsenteignet“ voll zutreffend) einfach zumachen müssen, das so hinnehmen werden – wer weiß das schon. Man stelle sich das mal bei einem Klempner vor: die Handwerkskammer entscheidet, ob das Lebensunternehmen einfach dicht gemacht wird. Das nur zu denken ist so absurd, dass das eigentliche Konzept einer niedergelassenen Praxis von vornherein ausgeschlossen wird. Womöglich ist das ja auch das versteckte Mittel, mit dem man mittelfristig noch schneller die niedergelassene Praxis in Deutschland zerstört. Selbst der dümmste Arzt wird sich dann kaum noch auf das Lebenswerk Praxis einlassen.

Ob es sich die Ärzte, die mittels Plan, Lenkung und Steuerung in der Pampa zwangsweise angesiedelt werden sollen, gefallen lassen oder ob sie bei der Klasse Aussicht nicht nach Alternativen suchen, ist ebenfalls weniger als offen. Niemand wird sich das mehr antun, zumindest wenn er seine Beratungsgespräche nicht von der KBV erhält.

Ganz ohne Exaktheit eine einfache Plausibilitätsbetrachtung. Obwohl in Deutschland genügend Ärzte ausgebildet werden, kommen nachweislich zu wenig im ambulanten Sektor an. Wenn man jetzt die Niederlassung mittels Planwirtschaft und potenzieller Enteignung noch unattraktiver macht, was wird dann wohl passieren? Werden die Ärzte in die unterversorgten Regionen gehen oder werden sie eher ihre Chancen an Krankenhäusern, in der Industrie oder im Ausland nutzen? Da müssen wir nicht mal mehr vermuten.

Was wäre denn das Ergebnis der kleinräumigen Versorgungsanalyse bzw. Bedarfsplanung der KBV? Genau, in den Ballungsräumen würden die Arztdichte abnehmen – von den verbliebenen KV-Mitgliedern bezahlt! Und in den Notstandsgebieten würden sich weit weniger Ärzte niederlassen, als gemäß Bedarfsplanung vorgesehen. Unterm Strich hätte sich der Ärztemangel, bisher vorwiegend in ländlichen, infrastrukturschwachen Regionen ausgebildet, relativ gleichmäßig über ganz Deutschland ausgebreitet. Fehlten vorher nur 10 Prozent der Ärzte in der Fläche, nachher fehlen 15 Prozent und mehr überall.

Herzlichen Glückwunsch an die KBV. Es macht immer wieder Freude zuzusehen, wenn wahre Experten zulangen.

Politiker, Kassen und Patienten hatten von der KBV erwartet, der Ärztemangel würde abgebaut werden. So hat man die Ausführungen der KBV verstanden. Und die alle werden am Ende völlig überrascht sein, dass der Ärztemangel nicht nur nicht abgebaut wurde sondern sogar noch schlimmer geworden ist. Nur die KBV, die hat das schon vorher gewusst. Denn doof sind die ja nun wirklich nicht. Weil: die leisten sich hochkompetente Experten und „die wissen, was sie tun“ – oder nicht? Eben wahre Meister der Dialektik: Das Eine sagen und das Andere tun. Fast wie in Nordkorea, einem ebenfalls hoch erfolgreichen weil nach Plan bewirtschaftetem System.

Bevor es in Vergessenheit gerät:
Herzliches Beileid, Patiomed AG. Euer Plan ist leider nicht aufgegangen. Dabei war die 2-Säulen-Strategie mit der kleinräumigen Bedarfsplanung und der Zwangsenteignung ein netter Ansatz. Das mit der Zwangsenteignung hat ja gut geklappt. Nur haben sich die Ärzte nicht wie vorgesehen in die Provinz verladen lassen. Und jetzt haben Ärzte, die im ambulanten Sektor tätig werden können und wollen, sogar die Wahl. Entweder als angestellter Arzt oder als Freiberufler. Unter der Annahme, dass irgendjemand die KBV für die Unterversorgung der Bevölkerung erst zur Verantwortung ziehen würde und dann als hochkontaminierten Sondermüll entsorgen würde, könnte es endlich einmal gleiches Geld für gleiche Arbeit für alle Wettbewerber geben – grad wie in einer freien, sozialen Marktwirtschaft. Wäre das erfüllt, warum sollte ein Arzt dann in ein Angestelltenverhältnis wechseln, wenn er sich als Freiberufler deutlich besser steht? Nur wenige werden als Angestellte arbeiten wollen.


Noch ein allervorletztes Wort.

Derzeit ist die Partei, die den Gesundheitsminister stellt, nicht besonders gut angesehen. Man könnte auch sagen, „wenn am Sonntag Wahlen wären“, dann würde der Wähler dieser Partei mit hoher Wahrscheinlichkeit abstrafen. Vermutlich würde die Partei nicht einmal wegen ihrer Gesundheitspolitik abgestraft.

Aber man stelle sich nur einmal folgende Situation vor. Da legt die KBV kleinräumig Versorgungsanalysen für ganz Deutschland vor. Jeder Landrat kann dann sofort erkennen, um was es geht. In seinem Landkreis fehlen x Hausärzte, xx Fachärzte, und er sieht sich von Petitionen belagert, die alle nur eines fordern: Wir wollen bei uns einen Arzt; wir haben doch nichts verbrochen und warum hat die Nachbargemeinde, sogar weniger Einwohner als wir, zwei Ärzte und wir haben keinen. Denn in der Analyse der KBV steht ganz genau, was uns zusteht. Und entweder, lieber Landrat, kriegen wir unsere Ärzte. Oder wir bekommen einen neuen Landrat. War das deutlich genug? Den politischen Sprengstoff sollten die Landräte erkennen. Ein Ort auf dem Lande, der keinen Arzt in der Nähe hat, wird von jeglichem Nachwuchs gemieden – genauso wie ein Ort der keine Grundschule oder Gymnasium hat – der wirtschaftliche Abschwung ist garantiert.
Und was wird der so unter Druck gesetzte Landrat machen? Er wird sich einen Schuldigen suchen: Die Gesundheitspolitiker. Auf dem Weg trägt die KBV wenigsten mit dazu bei, das Thema Ärztemangel ganz oben auf die Tagesordnung der Bundespolitik zu setzen. Die Ärztebasis ist an der Aufgabe jahrelang gescheitert, die KBV erledigt es im Handumdrehen.
Würde heute irgendjemand der FDP versprechen können, dass sie ganz sicher bei den nächsten Wahlen einen Stimmenanteil von 18 Prozent erreicht, wenn sie das Gesundheitssystem von der Plan- auf die Marktwirtschaft, mit allen Konsequenzen, umstellt, die entsprechende Ankündigung eines Systemwechsels wäre spätestens in den Abendnachrichten zu hören und sehen.


Die Praxisinhaber würden aber nicht enteignet, beruhigte Kopetsch, sondern bekämen von der KV eine Entschädigung. Dazu müsste der Wert der Praxis ermittelt werden…“, zitierten wir eingangs.
Mal abgesehen davon, dass erstens die verbleibenden Ärzte die Entschädigungssummen tragen und zweitens die Entschädigungen deshalb Entschädigungen heißen, weil ein Schaden entstanden ist, so wäre doch zu fragen, wer in einer Planwirtschaft entscheidet, wie hoch der Schaden ist, oder? Das Zentralkomitee der KBV? Oder dessen Politbüro? Gestalten sich womöglich die Rechtsmittel so wie heute bei Regressen oder Klagen gegen Honorare?

Fragen über Fragen, aber ein Blick in die jüngere Geschichte lohnt sich: Die mit wirtschaftlichen Quasienteignungen entschädigten Hauseigentümer in der DDR konnten froh sein, dass sie ihre Häuser zum Nulltarif los wurden.


www.brain2doc.de am 10. September 2010