Oder konnte er es sich aus einer Position der Stärke heraus leisten, die angekündigte Vollversammlung in Nürnberg abzusagen? Die offizielle Info des BHÄV lässt so gut wie jede Interpretation zu. Gespräche mit dem Minister und dem Ministerpräsidenten, das ist ein Indikator für den Stellenwert, den die Staatsregierung dem Vorhaben des BHÄV beimisst. Genau denen ohne Not eine Abfuhr zu erteilen, die den 73b in seiner derzeitigen Form erst ins Gesetz gebracht haben, wäre Dummheit. Insofern könnte es eine sehr kluger Schachzug gewesen sein, erst der bayerischen Staatsregierung die Chance zu geben, den Druck der bayerischen Hausärzte nach Berlin weiter zu geben. Gelingt das nicht, kann man immer noch, und dieses Mal vielleicht sogar mit wohlwollender Duldung durch die bayerische Staatsregierung, nach Nürnberg einladen.

Gegen eine solche Interpretation spricht allerdings die von der Staatsregierung verbreitete Version. Denn danach soll nur jeder Hausarzt nicht weniger als zuvor bekommen. Im ungünstigsten Falle würde das bedeuten, dass die bisher vereinbarten Selektivverträge zwar weitergeführt geführt werden, neue aber trotzdem, wie von Berlin vorgegeben, nicht höher als im Kollektivvertrag honorieren. Als einziges „Plus“ gegenüber dem aktuellen Status wäre dann nur noch zu verzeichnen, dass die KV-Honorare nicht unter ein Vergleichsniveau absinken. Das wäre dann ein sehr dürftiges Gesprächsergebnis zwischen BHÄV und Staatsregierung gewesen sein.

Wie dem auch sei, Nürnberg findet nicht statt. Nicht einmal dann, wenn alle Hausärzte in Bad Gögging den sofortigen Ausstieg aus dem Kollektivvertragssystem fordern und durchsetzen. Könnten sie ihn nämlich schon in Bad Gögging durchsetzen, hätte sich Nürnberg erübrigt. Die Würfel wären bereits gefallen, ein erneutes Treffen in Nürnberg somit überflüssig.

Was bedeutet das nun für jeden einzelnen Hausarzt in Bayern und auch an anderen Orten? Ein Hausarzt kann seinen Nutzen nur innerhalb der ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten maximieren. Es steht den Hausärzten die Teilnahme an 73b offen, in Bayern und Baden-Württemberg in weit größerem Umfange als in jeder anderen Region. Damit bietet es sich an, möglichst viele Patienten der teilnehmenden Kassen in die hausarztzentrierte Versorgung einzuschreiben. Jeder Patient mehr bringt auch mehr Geld. Zudem kann der Hausarzt noch dafür sorgen, dass Patienten ihre Kasse wechseln, weg von einer Kasse ohne Hausarztvertrag und hin zu einer Kasse mit einem guten Hausarztvertrag. Der Wechsel sollte den Patienten leicht fallen. Denn ohne Mehrkosten zu haben, erhalten sie mit der hausarztzentrierten Versorgung diverse Vorteile. Genau so leicht sollte es den Hausärzten fallen, mehr Patienten bei 73b einzuschreiben.


So unsicher ist, ob die Absage von Nürnberg ein Zeichen der Schwäche oder eine Demonstration der Stärke ist, so sicher bringt eine stärkere Beteiligung an Selektivverträgen für die Ärzte Vorteile.

Siehe dazu auch unser Beitrag zur Gretchenfrage.

Ein positiver Nebeneffekt ist, dass die Verhandlungsmacht des BHÄV mit jedem weiteren Patienten in der hausarztzentrierten Versorgung weiter ansteigt.

Ein noch besseres Angebot werden die Ärzte wohl nicht so schnell bekommen.


www.brain2doc.de am 16. Juli 2010 (17:00 Uhr)