Wir bitten um Entschuldigung für die falsche Überschrift.
Denn die KV Brandenburg (KV BB) kann nicht kalkulieren - und spricht offen darüber.
KV-Chef von Brandenburg, Dr. Helming, beklagte am 23.10.09 gemäß einer ddp-Meldung, dass ein Honorar von fünf Euro für die Impfung gegen die Schweinegrippe „bei weitem nicht kostendeckend” sei.
Auf eine Anfrage vom 26. Oktober 2009, ob die KV bitte ihre diesbezügliche Kalkulation offen legen könne, schließlich habe sie ja geschrieben, dass fünf Euro eben "bei weitem nicht kostendeckend sei", kam eine bemerkenswerte Antwort von der KV BB.
In der Antwort der KV BB heißt es wörtlich:
„Eine Aussage, welche Höhe das Impfhonorar haben müsste, um die anfallenden Kosten widerzuspiegeln, ist uns daher nicht möglich. Dies wäre allenfalls über die Kassenärztliche Bundesvereinigung in Erfahrung zu bringen.”
Zusammengefasst:
Die KV Brandenburg hat nicht den Hauch einer Ahnung von den Betriebskosten einer Arztpraxis. Aber die KBV hätte entsprechende Grundpauschalen im EBM kalkuliert. Sie erinnern sich vielleicht noch an die kalkulatorischen Gewinn einer Arztminute bei der KBV, die bei rund 95 Cent lag? Bei fünf bis zehn Minuten Arztaufwand mit Aufklärung, Impfung und seinem Schreibkram also allein hier schon rund 5 bis 10 Euro, ohne reine Betriebskosten der Praxismiete und Mitarbeiter...
Wenn eine KV zugibt, keine Ahnung von den Kosten einer hausärztlichen Praxis in ihrer Region zu haben, dann könnte sich ein unbeteiligter Beobachter fragen, mit welchen Sachargumenten eine KV in Honorarverhandlungen geht. Was für ein Selbstverständnis muss man als KV haben, wenn man andere ärztliche Organisationen, die für Ärzte eigene Verträge aushandeln wollen, für völlig überflüssig hält? Auf die Frage an einen Arzt, ob er lieber bei Vertragsverhandlungen für Verträge nach § 73 von der KV oder von einer anderen Organisation vertreten werden möchte, kann es nach dem Offenbarungseid der KV eigentlich nur eine Antwort geben. Denn noch schlimmer als mit einer KV, die ihre Unwissenheit auch noch öffentlich macht, kann es mit einer anderen Organisation kaum werden.
Um zu wissen, ob ich am Ende kostendeckende Preise für meine Leistungen vereinbare, muss man zuerst einmal die Betriebskosten kennen. Darauf aufbauend kann man mit dem ermittelten Zeitbedarf für eine spezielle Leistung auch den Preis für diese Leistung ermitteln. Solch ein Vorgang nennt sich gemeinhin Kalkulation.
Kalkulieren ist alles andere als Hexenwerk. Selbst wenn die KV Brandenburg nicht die blasseste Ahnung davon hat, wie die Kosten in einer Arztpraxis genau aussehen, hätte sie zumindest eine Überschlagskalkulation machen können. Fehlen konkrete Daten aus den Praxen, was per se schon ein Armutszeugnis für einen solchen Moloch wie eine KV ist, dann bedient man sich eben bei Näherungswerten. Die Kalkulation ist zwar nicht optimal, aber immer noch besser als keine Kalkulation. Keine Kalkulation zu haben, das nennt man gemeinhin „völliger Blindflug”.
In der Kostenstruktur für Arztpraxen, vom Statistischen Bundesamt für 2007 in der Fachserie 2 Reihe 1.6.1 am 5. August 2009 veröffentlicht, findet man ohne Mühe alle benötigten Angaben zu den Kosten. Für Arztpraxen in den Neuen Ländern, Umsatzklasse von 125.000 bis 250.000 Euro, betragen die Betriebsausgaben 96.000 Euro pro Jahr. Umgerechnet auf 1.760 Arbeitsstunden (44 Wochen à 40 Stunden) ergeben sich daraus Betriebskosten von rund 55 Euro pro Stunde. In ähnlicher Höhe liegen die kalkulatorischen Arztkosten pro Stunde. Daraus folgt, dass eine Arztpraxis pro Stunde ca. 110 Euro umsetzen muss, um die Kosten zu decken. Pro Minute entspricht dies einem Umsatz von 1,83 Euro.
Welche Arbeit hat nun ein Arzt bei der Impfung?
- Arztgespräch mit Aufklärung über die Impfung und deren Risiken und möglichen Nebenwirkungen. Da der Arzt für die Impfung haftet, sollte das Ergebnis des Arztgespräches auch schriftlich dokumentiert werden.
- Durchführung der Impfung
- Pro 10 interessierten Patienten kann man von einem Patienten ausgehen, der in Kenntnis der Risiken und möglichen Nebenwirkungen von einer Impfung absieht.
Dazu kommen noch Wegezeiten in der Praxis sowie Klärung von Fragen im Stile von „wo ich doch gerade mal hier bin, habe ich noch eine kurze Frage”. Alle Schritte zusammen ca. fünf Minuten. Dabei ist bereits berücksichtigt, dass ein Teil der Patienten Fragen zur Schweinegrippeimpfung, angereichert um individuelle Informationen aus Presse, Funk und Fernsehen, bereits in der regulären Sprechstunde losgeworden ist und der Impftermin schon ein zweiter Termin ist.
Daraus folgt, dass eine Impfung 5*1,83€ plus den Zuschlag von 10% für nach Aufklärung abgesprungene Patienten kostet, also ca. 10 Euro. Soweit eine grobe Überschlagskalkulation. Unterhalb dieses Preises legt der Arzt Geld drauf bzw. arbeitet umsonst. Oberhalb dieses Preises macht das Unternehmen Arztpraxis Gewinn.
Bei einer genaueren Kalkulation steht zu erwarten, dass die Kosten noch oberhalb dieses Preises liegen. Denn der Personalaufwand durch Mitarbeiterinnen liegt deutlich höher, als es über die pauschalierten Gemeinkosten abgebildet ist. Erstens müssen zur Identifikation des Patienten die gleichen Arbeitsschritte unternommen werden, wie bei einem regulären Arztbesuch. Zweitens muss die gesamte Behandlung dokumentiert werden. Drittens sind Vorab-Telefonate für die möglichen Impftermine nötig, die viertens dann über Bestätigungstelefonate fixiert werden. Fünftens sind die Patienten, die sich haben impfen lassen, wöchentlich zu melden. Das erfordert sechstens das Führen einer entsprechenden Liste. Siebtens kostet es die Mitarbeiterinnen Zeit den Patienten klar zu machen, dass zu dem Termin ausschließlich Impfen möglich ist. Weder die Erörterung der aktuellen Blutzuckerwerte, des Arztbriefes eines Fachkollegen noch der Entlassungsbericht aus dem Krankenhaus können „mal schnell mitgemacht” werden.
Übrigens, bei der Recherche nach den Kosten von professionellen Piercern mit hohem Hygienestandard wird man im Netz schnell fündig. Wir haben ein bissel telefoniert.
Die Kosten für ein Nabelpiercing ohne Schmuck reichen von 30 bis 60 Euro.
Die können wenigstens kalkulieren. Von Piercern können Ärzte lernen, was angemessene Preise sind.
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