Kassen bezahlen für Hausbesuch rund 2000 Euro ...
… ein niedergelassener Hausarzt erhält allerdings für einen Hausbesuch maximal 15 Euro Wegegebühr, da die medizinisch abrechenbaren Leistungen in seinem RLV versenkt sind. Weil dieses Geld aus der gedeckelten Gesamtvergütung gezahlt wird, interessiert es die Kassen nicht die Bohne, ob, und wenn ja wie viele, Hausbesuche erbracht werden. Was würde allerdings passieren, falls ein Hausbesuch die Kassen schnell mal 2000 oder 3000 Euro kostet? Sie glauben nicht, daß ein Hausbesuch so teuer werden kann? Doch, seien Sie versichert, er kann. Denn genau das passiert, falls Hausärzte ihre Indikationsbreite für Hausbesuche enger stellen und Patienten deswegen immer häufiger den Notarzt rufen. Nimmt das Krankenhaus den Patienten dann stationär auf, explodieren die Kosten bis in einen zweistelligen Milliardenbereich.
Per Zufall erfuhren wir von folgendem Procedere. Weil die Vergütung für einen Hausbesuch in keinem vernünftigen Verhältnis zum Aufwand steht, reduzieren Hausärzte ihre Hausbesuche. Mal nur ein bisschen, mal ganz radikal.
Das Wegegeld von bis zu 15 Euro reicht häufig nicht einmal mehr aus, die Fahrtkosten zu decken, denn die tatsächlichen Kilometerkosten liegen je nach PKW um die 35 Cent bei einem einfachen Golf oder 46 Cent bei einem Audi A4.
Da die einzelnen medizinischen Leistungen im Regelleistungsvolumen des Arztes enthalten sind, ist schon der erste Hausbesuch im Quartal ein glattes Defizitgeschäft, wenn der Patient schon vorher mal in der Praxis war. Kein Wunder, dass Ärzte Hausbesuche einstellen.
Das wird erst recht verständlich, da sie stattdessen in der Praxis pro Zeiteinheit mehr Umsatz generieren könnten – und das auch noch bei „leichteren“ Behandlungsfällen.
In der weiteren Betrachtung wird davon ausgegangen, dass Hausbesuche immer berechtigt sind, eine entsprechende Indikation ist gegeben. Wir konzentrieren uns auf die finanziellen Auswirkungen auf die Kassen, wenn ein Hausbesuch eines niedergelassenen Arztes durch einen Notarztbesuch substituiert wird.
Die Zahl der Notarzteinsätze nimmt übrigens seit Jahren kontinuierlich zu. Der Rückgang der Hausbesuchsfrequenz wird die Zahl der Notarzteinsätze noch weiter steigen lassen. So sind zum Beispiel die Notarzteinsätze in Leipzig von 6544 (in 1991) auf 26.254 (in 2006) gestiegen [1].
Warum wir uns mit dieser Frage beschäftigen, ist einfach zu erklären. Am Thema Hausbesuche kann man exemplarisch beleuchten, wie Kosten explodieren können, wenn man zu geizig ist. Und was das Ganze mit Marktmacht der Ärzte zu tun hat.
Wir erfuhren von einem Hausarzt der feststellte, dass Hausärzte immer seltener zum Hausbesuch fahren. Und was machen die Patienten, kommt einem sofort in den Sinn? Die rufen dann statt beim Hausarzt eben beim Notarzt an. Nicht alle, aber einige. Und das wird dann für die Kassen teuer.
Ursächlicher Hintergrund: Es haben bereits so viele Hausärzte in der Region dieses Hausarztes aufgegeben, so dass sich die verbliebenen Hausärzte vor Patienten kaum retten können. Um dem Ansturm auf ihre Sprechstunden noch Herr zu werden, haben viele Hausärzte die Notbremse gezogen. Lieber in der Sprechstunde Patienten im 5-Minuten-Rhythmus, als ein miserabel oder garnicht bezahlter Hausbesuch mit 30 Minuten – so kann ein Hausarzt mehr Patienten pro Tag behandeln. Da ein Hausarzt nicht gleichzeitig in seiner Praxis Sprechstunde abhalten und gleichzeitig auf Hausbesuch fahren kann, sind die Hausbesuche rückläufig.
Konsequenz: Lässt sich kein Hausarzt herbeitelefonieren, wird immer häufiger der Notarzt gerufen. Da ein Notarzt bei Beschwerden am Brustkorb ohne Kenntnis der Krankengeschichte nicht wissen kann, ob es sich um ein seit langer Zeit bekanntes Wirbelsäulenproblem oder um eine lebensbedrohliche Erkrankung wie eine Lungenembolie oder um einen atypischen Herzinfarkt, eine Herzinsuffizienz oder ähnliches handelt, wird der Patient zunehmend mehr vom Notarzt ins Krankenhaus mitgenommen. Nicht selten schon aus „juristischer“ Indikation. Dort erfolgt eine stationäre Aufnahme, ein Katalog an technischen Untersuchungen wird abgearbeitet.
Würden mehr und mehr Hausärzte ihre Hausbesuchstätigkeit reduzieren oder gar einstellen, wird sich daraus für die Kassen ein finanzielles Desaster entwickeln. Im Extremfalle würden alle Hausärzte auf Hausbesuche verzichten, und es würde sich zugleich ein Maximum an Notarzteinsätzen ergeben.
Wirtschaftliche Folgewirkungen: Statt eines Hausbesuches durch einen niedergelassenen Arzt, den die Kassen über die Gesamtvergütung schon „bezahlt“ haben, fallen jetzt zusätzliche Kosten für den Notarzteinsatz und den stationären Bereich an, denn diese Kosten müssen die Kassen extra zahlen. Hier kommt man schnell in die Größenordnung von 2.000 bis 3000 Euro pro Patient.
| Nochmals sei betont: diese Kosten müssen die Kassen zusätzlich zahlen! |
In der angehängten Tabelle (Download im Link unten) haben wir verschiedene Varianten dargestellt. Für die Kosten stationärer Behandlung wird nach DRG abgerechnet. Die Kosten berechnen sich aus der Multiplikation des sogenannten Landesbasisfallwertes und den Relativgewichten. Letztere sind so etwas wie die ökonomische Bewertung eines konkreten medizinsichen Falles.
Bei Landesbasisfallwerten von ca. 2800 Euro [2] und zwischen 0,5 und bis über 1,0 sogenannten Relativgewichten für einen entsprechenden stationären Fall, liegen die Kosten für den stationären Aufenthalt demnach zwischen ca. 1.400 und 2.900 Euro. Diese Kosten sind in ihrer Größenordnung realistisch.
Dagegen grenzt es schon fast an Kaffeesatzleserei, wenn man die Zahl der Patienten mit Bedarf an einem Hausbesuch, die bei Ausbleiben des Hausarztes den Notarzt herbeirufen, schätzen soll. Ein niedriger Wert könnte bei einem Patienten pro Woche pro Hausarzt liegen, das wäre vielleicht jeder zehnte Hausbesuchspatient.
Der Wert kann aber auch leicht auf fünf Patienten pro Woche und Hausarzt steigen, wenn man in eine strukturschwache Region ohne nennenswerte fachärztliche Präsenz geht.
Wir haben deshalb in der beigefügten Tabelle die Varianten Notarzt statt Hausarztbesuch mit 1, 3 und 5 Patienten pro Woche und Hausarzt simuliert. Zudem haben wir dem Hausarzt 50 Arbeitswochen pro Jahr zugebilligt, die er zusammen mit seinem Vertreter erbringt. Zusätzlich zu den ausschließlich stationären Kosten fallen noch Kosten für den Notarzteinsatz selber und den separaten Krankentransport an. Die Kosten dafür bewegen sich zwischen 200 und 700 Euro, je nach Region und Zuständigkeit.
Die Gesamtkosten (Arztkosten sprich Fallhonorar 88,03 Euro, Fahrtkosten Notarzteinsatzfahrzeug 63,00 Euro und Fahrtkosten Rettungstransportwagen 157,30 Euro) betragen nach BURGKHARDT zum Beispiel exakt 308,33 Euro [1]. Wir berücksichtigen diese Kosten mit einem Wert von rund 300 Euro, was vielfach deutlich zu niedrig sein dürfte.
Auf Basis dieser Kosten haben wir in der angehängten Tabelle die zusätzlichen Kosten für die Kassen hochgerechnet. Bei der stationären Einweisung haben wir drei unterschiedliche DRG-Pauschalen zwischen 1400 und 2900 Euro angesetzt. Zusätzlich werden die induzierten Folgekosten einmal pro Hausarzt und Jahr und einmal für alle 50.000 Hausärzte aufgeführt.
Im für die Kassen ungünstigsten Fall werden alle vom Notarzt besuchten Patienten stationär aufgenommen. Für diese Variante spricht erstens, dass ein Notarzt schon aus Gründen der Haftung lieber einen Patienten mehr mit ins Krankenhaus nimmt als einen zu wenig. Zweitens wird das Krankenhaus einen durch den Notarzt vorgestellten Patienten sehr unwahrscheinlich ohne umfangreiche Untersuchungen wieder in die Häuslichkeit entlassen. Die Krankenhausärzte haben schon aus Kapazitätsgründen der Notfallambulanzen die Pflicht sich erst um die klinisch schwereren Fälle zu kümmern, sodaß solche Patienten nach einer ersten Arbeitsdiagnose zur Sicherheit zunächst auf die Station gebracht werden.
Fallen bei einem Hausarzt 1, 3 oder 5 Patienten pro Woche zusätzlich für eine stationäre Aufnahme an, so ergeben sich hochgerechnet auf 50.000 Hausärzte 2,5 Mio., 7,5 Mio. bzw. 12,5 Millionen zusätzliche stationäre Aufnahmen.
Bei diesen Zahlen würden nach aller Wahrschenlicheit die Kapazitäten der rund 2000 Krankenhäuser gesprengt.
Wie aus der im Download unten beigefügten Übersicht leicht abzulesen ist, …
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… kann ein einzelner Hausarzt durch die Nicht-Durchführung eines Hausarztbesuches und dessen Ersatz durch einen Notarzt bei nur EINEM einzigen Patienten pro Woche, also 50 im Jahr, bei den Kassen je nach DRG-Höhe Kosten zwischen 80.000 und 160.000 Euro pro Jahr verursachen |
| … kann ein einzelner Hausarzt durch die Nicht-Durchführung eines Hausarztbesuches und dessen Ersatz durch einen Notarzt bei FÜNF Patienten pro Woche, also 250 im Jahr, bei den Kassen je nach DRG-Höhe Kosten zwischen 400.000 und 800.000 Euro pro Jahr verursachen. |
| … werden hochgerechnet auf alle rund 50.000 Hausärzte Deutschlands Kosten in einem Korridor von 4 bis 40.000 Milliarden Euro induziert. |
| Vermutlich ist mit Kosten in der Größenordnung von 300.000 Euro pro Hausarzt bzw. 15 Milliarden Euro für alle Hausärzte im Jahr zu rechnen. |
Als Hausarzt haben Sie sicherlich eine bessere Vorstellung davon, wie viele Patienten einen Notarzt rufen würden, falls Sie als Hausarzt nicht kommen könnten. Schon heute ist es bei Hausärzten mit vielen Hausbesuchen denkbar, dass der Hausarzt wegen eines „eigenen Notfalls“ in der Praxis einem dringenden Wunsch nach Hausbesuch nicht Folge leisten kann. Auch hier kann nur der Notarzt einspringen.
Löst man sich vom Zahlenmaterial, weil es sich letztlich bei der Frage wieviel nicht erbrachte Hausarztbesuche durch einen Notarztbesuch ersetzt werden, nur um hypothetische Annahmen handelt und keine empirischen Daten sind, wird es für die Kassen trotzdem kaum besser.
Denn daß den Kassen hohe zusätzliche Kosten pro „Notarzt statt Hausarzt“-Patient entstehen, ist in dem genannten Korridor sicher. Kann eine Kasse das nicht über Zusatzbeiträge refinanzieren, geht sie in Konkurs. Und alles nur, weil die Kassen nicht willens waren oder sind, Hausbesuche angemessen zu bezahlen. Geiz kommt einen manchmal teuer zu stehen.
Ein Vorstandsvorsitzender einer Gesetzlichen Kasse müßte schon arg eingeschränkte betriebswirtschaftliche Kenntnisse haben, wenn er dieses Zahlenmaterial ignoriert. Wir würden dem Kassenarzt doch lieber die rund 150 Euro pro Besuch [1] zugestehen, die auch ein Notarzteinsatz (mit Fahrer ohne Krankentransport) kostet, statt 300 Euro plus stationäre Kosten. Sie sicher auch, oder?
Marktmacht der Ärzte
Wen schon die Zahlen nicht interessieren, sollte aber folgendes bedenken: Was würde passieren, wenn man „Notarzt statt Hausarzt“ als Demonstration hausärztlicher Macht praktiziert? Darüber sollten Sie lieber nicht nachdenken ;-).
Denn sind Hausärzte sind zu so etwas fähig?. Sie wollen trotzdem wissen, was passieren würde, falls? Nun gut, falls die Hausärzte spontan solidarisch reagieren würden, eine konzertierte Aktion wäre vielleicht gesetzeswidrig und davon sollte man die Finger lassen, dann hätten die Kassen „fertig“. Die Kassen stünden sofort mit dem Rücken zur Wand.
Sofern Sie sich überlegt haben, was passieren würde, wenn ganz gezielt Patienten einer bestimmten Kasse nicht mehr von Hausärzten über Hausbesuche versorgt werden würden, dann vergessen Sie den Gedanken gleich wieder. Abgesehen vom Ergebnis, denn würde es nur eine bestimmte Kasse treffen, hätte die Kasse einen so gravierenden Wettbewerbsnachteil, dass sie sofort um ihr Überleben kämpfen würde, ist ein solches Ereignis nicht zu erwarten. Denn dazu müsste die Kasse zuvor die Hausärzte irgendwie so verärgert haben, dass die Hausärzte den Nicht-Hausbesuch bei Patienten dieser Kasse gezielt einsetzen.
Können Sie sich einen Grund vorstellen, warum Hausärzte so etwas tun sollten? Oder meinen Sie etwa, dass ein Hausarzt einer Kasse, die partout keinen Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung schließen will oder dabei nur völlig insuffiziente Honorare anbietet, auf dem Wege die gelbrote Karte zeigt?
Nicht, dass das nicht ein Instrument sein könnte, welches den Hausärzten richtig Marktmacht bescheren würde. Nein das ist es nicht. Ganz im Gegenteil. Würde dieses Instrument von vielen, am besten fast allen, Hausärzten eingesetzt, dann würde den Hausärztevertretern bei Verhandlungen eine enorme Marktmacht zuwachsen. Ausgestattet mit solch einer Verhandlungsmacht dürfte eine „auserkorene“ Kasse ihre bisherige Position aufgeben und mit lukrativen Angeboten aufwarten.
Zum Einsatz eines solchen Instrumentes kommt es nur nicht, weil ….. ?????
Bei Lichte betrachtet, finden wir auf die Schnelle keinen Grund, warum Ärzte das Instrument nicht einsetzen sollten. Sollten Sie einen rationalen Grund kennen, teilen Sie uns den bitte mit?
Download
Tabellarische Übersicht Kostensimulation Notarzteinsatz statt klassischer Hausbesuch [6 KB]
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Quellen |
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[1] Burgkhardt , Alexander: Masterthesis der Donau-Universität Krems „Betrachtung zu Implementierung eines Dringlichen Hausbesuchsdienstes (DHD) als Element der ärztlichen Dringlichkeitsversorgung und der Einfluß auf die Senkung der Notarzteinsatzrate“, 2007 |
| [2] Deutsche Krankenhausgesellschaft Oktober 2009: Link hier |
(C) www.brain2doc.de vom 5. Dezember 2009