Berufspolitische Interessenvertretungen
HINTERGRÜNDE
Was darf man von einer Organisation erwarten, die den Anspruch erhebt, die berufspolitischen Interessen der Ärzte zu vertreten?
Vorab ein paar einführende Bemerkungen.
Wie gut es der Bevölkerung eines Staates geht, bezeichnen Ökonomen als "Wohlfahrt" (siehe Wikipedia) Geht es der Bevölkerung gebenüber dem Ausgangsniveau zukünftig besser, z. B. mehr Kindergartenplätze und bessere Bildungschancen, dann steigt die Wohlfahrt. Wird der Satz von Hartz IV abgesenkt, sinkt die Wohlfahrt. Wohlfahrt setzt sich dabei aus sehr, sehr vielen Einzelkomponenten zusammen, die aufzuführen jeglichen Rahmen sprengt. Wir betrachten in der Regel das aktuelle Niveau als gegeben und bewerten Veränderungen entweder als wohlfahrtssteigernd oder wohlfahrtsmindernd.
Was die Wohlfahrt für den Staat ist der “Nutzen” für das Individuum. Auch der Nutzen eines Individuums wird durch viele Parameter bestimmt (Geld, Freizeit, Wohnung, soziale Kontakte, Beruf, Arbeitsbedingungen, Auto, ….). Dabei kommt dem Gut Geld eine ganz besondere Rolle zu. Geld kann ich beispielsweise gegen Wohnung, gegen Essen, gegen Urlaub - also gegen nahezu alle anderen Güter tauschen.
Ein methodischer Ansatz in der Ökonomie sieht so aus, dass alle anderen Güter durch das Gut “Geld” substituierbar sind. Mit einem mehr an Geld können alle anderen Güter (Freizeit, Anerkennung, angenehme Arbeitsbedingungen, wenig Bürokratie, …..) ersetzt werden. Umgekehrt können alle anderen Güter (mehr Freizeit, mehr Anerkennung, bessere Arbeitsbedingungen, weniger Bürokratie, ….) Geld nur in begrenztem Umfange substituieren. Zum Überleben benötigt man nämlich immer ein gewisses Minimum an Geld. Wird das Minimum unterschritten, geht der substitutionale Zusammenhang verloren. Mehr Freizeit beispielsweise steigert den Nutzen eines Menschen dann nicht, falls er ohne Arbeit ist und daher nicht über genügend Geld verfügt, um sich die Dinge des täglichen Bedarfs leisten zu können. Freizeit hatte der Arbeitslose auch vorher schon genug.
Wie sieht die Situation in der Ärzteschaft aus?
Seit Jahrzehnten wird die von den Kassen mit “befreiender Wirkung gezahlte Gesamtvergütung” nicht nach marktwirtschaftlichen Kriterien innerhalb der Ärzteschaft verteilt. Die derzeitige wirtschaftliche Situation der Ärzteschaft ist konsequenterweise extrem heterogen. Einem Teil der Ärzteschaft geht es sehr gut (Oberhaus), ein Teil kommt klar (Mittelbau) und ein Teil erhält nicht genügend Honorar (Unterhaus), um auch nur annähernd so viel zu verdienen, dass damit die Bedürfnisse des täglichen Lebens abgedeckt werden können.
Es bietet sich daher an, das Unterhaus zum Prüfstein für die Aktivitäten und die Performance berufspolitischer Organisationen zu machen. Solange der Nutzen eines Mitglieds der Organisation auf einem so niedrigen Niveau liegt, dass er in die Kategorie Unterhaus fällt, ist ein Mehr des Gutes Geld das einzige echte Bedürfnis dieses Mitglieds. Damit bietet es sich an, den Output von ärztlichen Organisationen an diesem Bedürfnis zu messen. Die Absicht einer Organisation, den Nutzen eines Mitglieds im Mittelbau oder gar im Oberhaus zu steigern, solange noch Mitglieder im Unterhaus wohnen, ist kaum fehl zu interpretieren: Eine solche Organisation vertritt die Interessen der Mitglieder, die zum Unterhaus gehören, nicht.
Üblicherweise zählen die Mitglieder des Unterhauses zu den Schwächsten. Werden in einer Organisation die Interessen der Bessergestellten zu Lasten der Schwächsten vertreten, wäre ein Austritt der Mitglieder des Unterhauses aus der Organisation die logische Konsequenz. Würden die Bewohner des Unterhauses ihrerseits eine neue berufspolitische Interessenvertretung gründen, wären alle Mitglieder annähernd gleich gestellt. Die Mitglieder wären untereinander sehr ähnlich, die Gruppe wäre äußerst homogen.
Mit der Bildung einer zweiten Gruppierung, hüben Mittelbau mit Oberhaus sowie drüben Unterhaus, sinkt die Marktmacht der bisherigen, alleinvertretenden Gesamt-Interessenvertretung. Eine Abnahme der Marktmacht kann aber nicht im Interesse einer Interessenvertretung sein, da eine sinkende Marktmacht auch mit einer sinkenden Verhandlungsmacht einhergeht. Ist das Unterhaus zum Aufbau einer eigenen Organisation in der Lage, werden die Interessen der Bewohner des Unterhauses in der reinen Unterhaus-Organisation deutlich besser vertreten als in der früheren, heterogenen Gesamtorganisation.
Da die Mittelbau-Oberhaus-Interessenvertretung (MO-Interessenvertretung) über weniger Marktmacht als eine Gesamt-Interessenvertretung verfügt, kann sie auch die ursprünglich angestrebte Besserstellung von Mittelbau und Oberhaus nicht mehr wie früher durchsetzen. Im ungünstigsten Falle wird die MO-Interessenvertretung sogar mit einerm Absinken des Nutzenniveaus leben müssen, da die Vertragspartner (Kassen) mit der Unterhaus-Organisation einen zweiten Vertragspartner haben.
Kommt es zu Verhandlungen, könnten die Kassen am Ende sowohl die MO-Interessenvertretung als auch die Unterhaus-Organisation auf das (idealerweise) identische Nutzenniveau bringen. MO hätte dabei deutlich verloren und Unterhaus hätte deutlich gewonnen. Gegenüber der Ausgangslage hätten sich die Bewohner des Unterhauses besser gestellt und die Bewohner von MO hätten sich schlechter gestellt.
Es macht daher für eine Organisation keinen Sinn, bei idealen Bedingungen wäre es sogar kontraproduktiv, wenn eine Organisation ausschließlich den Nutzen von MO steigern wollte. Würden sich alle Beteiligten rational verhalten, hätte am Ende MO verloren und das Unterhaus hinzugewonnen. Bei dem Prozess würden unterm Strich alle Ärzte schlechter abschneiden, als wenn sich die Gesamtorganisation mit der größeren Marktmacht erst um die Besserstellung des Unterhauses und anschließend um die Besserstellung ALLER Mitglieder gekümmert hätte.
Ein Beispiel für eine “gute” berufspolitische Interessenvertretung gibt derzeit der Bayerische Hausärzteverband. Da hat man die gesamte Marktmacht eingesetzt, um gleichzeitig ALLE Mitglieder besser zu stellen. Statt wie in der Vergangenheit die Einteilung in Oberhaus, Mittelbau und Unterhaus beizubehalten, will man auf dem Verhandlungswege gleichzeitig alle Mitglieder über das bisherige Nutzenniveau des Oberhauses heben. Und es werden alle Mitglieder auf das selbe Niveau gehoben!
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