Im Vorfeld der Wahlen zu den Vertreterversammlungen der KVen präsentieren sich unterschiedliche Kandidaten und Listen. Grob kann man die Wahlalternative zwei Richtungen zuordnen: einem KV-stützenden und einem KV-ablehnenden Lager. Wer sich im derzeitigen System wohl fühlt und keinerlei Handlungsdruck verspürt, der wird sich bei den VV-Wahlen eine Gruppierung aus dem KV-stützenden Lager suchen. Es gibt genügend Listen, die in dieser Richtung aufgestellt sind, und man kann gut abschätzen, was man am Ende von den gewählten Gruppierungen erwarten darf: Nichts (neues).
Im KV-ablehnenden Lager kann man sich auf keinen gemeinsamen Nenner einigen. Man prügelt lieber auf eine andere, aber im selben Lager befindliche, Gruppierung ein, als sich mit der tatsächlichen Opposition, den KV-stützenden Gruppierungen, zu beschäftigen.


Auf brain2doc haben wir in verschiedenen Beiträge immer wieder an konkreten Sachverhalten zu erklären versucht, dass man am Status quo bzw. dessen unveränderter Fortführung nur etwas ändern kann, falls man zuvor Marktmacht aufbauen und dann einsetzen kann. Dabei ist Marktmacht alleine jedoch noch kein Garant dafür, dass sich etwas ändern wird. Aber sie ist eine notwendige Voraussetzung, damit sich überhaupt etwas ändern kann.

Wie Ärzte zu Aufbau von Marktmacht stehen, der strategisch überragenden Frage schlechthin, kann man leicht ablesen. Es gibt einige wenige Verbände, die bemühen sich mit aller Kraft darum, Marktmacht zu erreichen. Dazu zählen u. a. der BHÄV mit Dr. Hoppenthaller und MEDI mit Dr. Baumgärtner sowie Dr. Dietsche für den HÄV in BW. Dann gibt es eine Vielzahl von Verbänden, die machen das, was sie schon immer gemacht haben: Nichts.

Übrig bleiben dann noch so Alibi-Gruppierungen wie "Allianz der Ärzte", die mit ihren Aktivitäten, beispielsweise der im- oder sogar expliziten Unterstützung der KVen, den Aufbau von Marktmacht aktiv unterlaufen. Und dann gibt es noch Ärzte in Foren, die sich mit allen möglichen Fragestellungen beschäftigen und dabei nicht vergessen, jedem halbwegs in die gleiche Richtung laufenden Nachbarn unter Einsatz aller nur erdenklichen Kräfte in die Hacken zu treten. Aber weder beschäftigen sie sich rational mit der Frage, wie man effektiv den Status quo verändern kann noch haben sie auch nur ansatzweise verstanden, dass das ohne Marktmacht nicht gehen kann.

Es geht sogar noch weiter und wird bei näherem Hinsehen immer desaströser. Einige Protagonisten unterschiedlichster Fraktionen fordern jeweils für sich, dass "alle bei uns mitmachen" müssen, denn „nur dann werden wir uns auch durchsetzen“ können. Das trifft im Groben für SIGNA, BD, FÄ und ähnliche Gruppierungen zu. Von denen wird jeder Arzt akzeptiert, der die jeweiligen Forderungen einer speziellen Gruppierung unterstützt. Jedem Arzt, der es auf einem anderen Weg bzw. mit einer anderen Gruppierung aus dem gleichen Lager probiert, möchte man am liebsten auf den eigenen Pfad der Tugend zurückführen. Gemeinsamer Nenner? Fehlanzeige.

Was allen zusammen nicht auffällt ist, dass jede einzelne Gruppierung für sich genommen nichts anderes probiert, als Marktmacht zu gewinnen. Denn "wenn alle zusammen" etwas tun, dann beinhaltet das zwei Punkte. Punkt eins, "alle zusammen" steht für Marktmacht. Denn "alle zusammen" bilden eine große homogene Gruppe und die wiederum käme in ökonomischer Hinsicht einem Kartell bzw. Monopolisten nahe. Und dass ein Monopolist bzw. ein Kartell Marktmacht hat, dürfte selbst innerhalb der Ärzteschaft unstrittig sein. Der zweite Punkt ist bzw. wäre, dass man "etwas tut". Wenn alle zusammen "etwas tun", dann ist "alle zusammen" eine Gruppe die Marktmacht hat und wenn diese Gruppe "etwas tut", dann setzt sie ihre Marktmacht ein.

Mit anderen Worten: Abgesehen von den Schlafwagengruppierungen wie fachärztlichen Verbänden und Konsorten, vermutlich eher im KV-stützenden Lager anzusiedeln, streben alle Gruppierungen des KV-ablehnenden Lagers den Aufbau von Marktmacht an. Darin unterscheiden sich MEDI, BHÄV und Teile des HÄV nicht von SIGNA, FÄ, BD, BFAV ...... - alle wollen Marktmacht. Während sich MEDI und BHÄV jedoch aktiv darum bemühen und auch zu ihrem Ziel stehen, haben die anderen Gruppierungen offenbar nicht einmal ansatzweise verstanden, dass sie exakt dasselbe Ziel anstreben.

Viel lieber streiten sich diese Gruppierungen schon vor der Erlegung des Bären (= Aufbau von Marktmacht) darum, wie das Fell anschließend verteilt werden soll (= Direktabrechnung, Einführung der GOÄ, Selektiv- oder Kollektivvertrag, Einzelleistung oder Pauschalen, ....). Im Streit um die Verteilung des Fells geht völlig verloren, dass man ohne den vorherigen Aufbau von Marktmacht niemals in die Situation kommen wird, den Bär zu erlegen. Aber warum sollten sich diese Gruppierungen aktiv um den Aufbau von Marktmacht kümmern, wenn sie weder wissen bzw. verstanden haben, welche Bedeutung Marktmacht hat, noch wie eine entsprechende Strategie zur Erlangung von Marktmacht aussehen sollte? Zudem müsste man verinnerlicht haben, dass man mit kleinen Splittergruppen keine Marktmacht aufbauen kann. Marktmacht erreicht man nur, wenn eine so homogene und so große Gruppe wie irgend möglich geformt werden kann. Dazu ist es zwingend erforderlich, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Sieht man sich die durchaus engagierten Bemühungen vieler Verbände an, gewinnt man schnell den Eindruck, dass nicht der kleinste gemeinsame Nenner sondern der größte Unterschied zum Nachbarn gesucht wird. Die britische Komikertruppe Monty Python hat das Problem des fehlenden gemeinsamen Nenners schon im „Leben des Brian“ thematisiert. Statt sich auf den gemeinsamen Gegner zu konzentrierten, hackten Volksfront Judäa und judäische Volksfront lieber aufeinander ein.

Will man die seit Jahren andauernde (Selbst-)Ausbeutung der Ärzteschaft beenden, muss ein Zustand hergestellt werden, den man beispielsweise mit „Angemessene Honorierung ärztlicher Leistung“ umschreiben kann. Denn würden alle ärztlichen Leistungen angemessen honoriert, wäre die Ausbeutung beendet.

Schon auf dieses allgemein verständliche Ziel können sich die Beteiligten nicht einigen. So werden bereits die grundlegenden Voraussetzungen für die Bildung von homogenen Gruppen ignoriert und durch „unverhandelbare“ Forderungen substituiert wie:

- Einzelvergütung
- 600 Euro pro Stunde
- Einführung der GOÄ
- Direktabrechnung
- .......

Statt den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, um eine möglichst große homogene Gruppe zu formieren, wird damit exakt das Gegenteil erreicht. Dass die große Gruppe nur bezüglich eines einzigen Zieles homogen sein muss, versteht sich von selbst. Man könnte als Ziel auch „Abschaffung des KV-Systems“ oder ähnliches verfolgen. Von außen betrachtet scheint das gesamte KV-ablehnende Lager in dem Punkt einer Auffassung zu sein, bildet also eine homogene Gruppe. Lediglich bezüglich der Frage, wie es nach der Abschaffung der KV weitergehen kann oder sollte, gibt es gravierende Differenzen.

Weil man es nicht schafft, die Punkte in der richtigen Reihenfolge abzuarbeiten, reiben sich die unterschiedlichen Strömungen aus dem gleichen Lager aneinander auf statt sich mit dem tatsächlichen Gegner zu befassen und zusammen Marktmacht aufzubauen. Bei der enormen Bandbreite an unterschiedlichen Vorstellungen und beim Absolutheitsanspruch der jeweiligen Gruppierungen bleibt somit gar nichts anderes übrig, als dass die jeweilige Anhängerschaft dieser Subgruppierungen deutlich zu gering bleiben muss, um ausreichend Marktmacht zu gewinnen.

Damit wäre das Thema dann auch zu Ende. Weil sich Ärzte weder rational verhalten noch strategische Grundlagen berücksichtigen, ändert sich nichts. Und wird sich unter diesem Verhalten auch nie etwas ändern können.

Allerdings gibt es in Bayern und BW Interessenvertretungen, die strategisch deutlich besser aufgestellt sind und die sich für eine rationalere Vorgehensweise entschieden haben. Diese Interessenvertretungen haben es geschafft, deutlich mehr Ärzte hinter ihren jeweiligen Forderungen zu versammeln als die Gruppierungen mit unverhandelbaren Forderungen. Statt neidlos anzuerkennen, dass andere beim Aufbau von Marktmacht einfach besser waren, attackieren die Gruppierungen mit unverhandelbaren Forderungen nun genau die Gruppierungen, die halbwegs erfolgreich Marktmacht aufgebaut haben und einzusetzen versuchen. Ökonomen nennen das dann suboptimal, dann sind sie höflich. Oder nicht rational, dann sind sie deutlich.

Wenn BMW mehr Autos als Audi verkauft, dann würde sich der Audi-Vorstand vermutlich mit der Frage beschäftigen: Was macht BMW besser als wir? Und man würde die Strategie des erfolgreicheren Wettbewerbers kopieren und zu optimieren versuchen. Wären im Audi-Vorstand Ärzte, dann würden sie dagegen fragen: Wie können wir BMW von seinem hohen Absatzniveau auf unser viel niedrigeres Niveau runterholen? Hauptsache BMW kommt runter, auch wenn Porsche, Opel, VW, Toyota, Peugeot, ..... ebenfalls steigende Absatzzahlen haben. Wir von Audi messen uns an BMW und was der restliche Markt macht, ist uns doch völlig egal. Hauptsache BMW steht am Ende nicht besser sondern eher schlechter dar als wir.

Man muss keineswegs von der übergeordneten Strategie von MEDI oder dem HÄV begeistert sein. Trotzdem wäre es rational, deren Vorhaben zu unterstützen. Denn diese beiden Gruppierungen verfolgen das Ziel, das jede Interessenvertretung verfolgen muss, Marktmacht aufzubauen. Und sie wollen sie auch einsetzen. Damit machen MEDI und (B)HÄV bis dahin erst einmal alles richtig. Ob am Ende, ausgestattet mit der Marktmacht eines Monopolisten (§ 73b), auch die "richtigen" Ziele angepeilt werden, bleibt abzuwarten. Sicher ist nur: Ohne dass zuvor Marktmacht im Interesse der Ärzte eingesetzt wurde, wird sich an der Ausbeutung der betroffenen Ärzte nichts ändern. Ob am Ende ein besserer Zustand, und wenn ja welcher, oder nur ein anderer Zustand erreicht sein wird, bleibt offen.

Gemessen an den Mitgliederzahlen in ihren jeweiligen Regionen haben BHÄV und MEDI/HÄV Marktanteile im Bereich von 50%. Rechnet man noch die Marktanteile der KV-stützenden Gruppen von 30 bis 40% hinzu, dann bleiben für alle anderen Gruppierungen zusammen zwischen 10 und 20% als Rest übrig. Diesen Rest teilen sich dann drei, vier, fünf oder gar noch mehr Kleingruppierungen aus dem KV-ablehnenden Lager untereinander auf. Gemessen an den 50%-Positionen von BHÄV und MEDI/HÄV wären alle anderen Gruppierungen mit einem Marktanteil von deutlich unter 10% oder gar im ganz niedrigen einstelligen Prozentbereich, automatisch in der Rolle von Juniorpartnern.

Wie groß der Einfluss von sehr kleinen Juniorpartnern ist, kann man recht gut in der großen Politik ablesen. Ein Juniorpartner kann vereinzelt Akzente setzen, aber die große Richtung wird vom Senior vorgegeben.

Da es aber zum jeweiligen Selbstverständnis der Juniorpartner gehört, dass sie in einer Koalition die große Richtung vorgeben, kommt es eben nicht zu Koalitionen. Denn wenn der Senior zwischen fünf und fünfzig mal mehr Wähler für seine Richtung aufbieten kann, wieso sollte dann eine kleine Minderheit bestimmen (dürfen), wohin die Reise geht? Was jedem normalen Menschen sofort einleuchtet, die kleineren Gruppierungen aus dem KV-ablehnenden Lager negieren es. Schlimmer noch. Weil man ihnen nicht zugesteht, das Steuer des KV-ablehnenden Lagers übernehmen zu dürfen, attackieren sie die größten Repräsentanten des Lagers – BHÄV und MEDI/HÄV. Dass sie damit der eigenen Zielsetzung schaden, scheint weniger schlimm zu sein als sich mit der Rolle eines Juniorpartners zufrieden geben zu müssen.

Es ist zumindest eine „interessante“ Strategie, die da verfolgt wird.



Postscriptum:

Wären die Seniorpartner rein theoretisch bereit, einem der potenziellen Juniorpartner aus dem KV-ablehnenden Lager das Steuer zu überlassen, würde der Streit vermutlich noch heftiger werden. Denn es könnte ja nur ein Juniorpartner seine Richtung durchsetzen – die anderen wären ja schon wieder nicht am Steuer.
Abgesehen von den realen Mehrheitsverhältnissen würde es schon aus dem Grund keinen Sinn machen, einen potenziellen Juniorpartner ans Steuer zu lassen. Es fehlt vielen kleinen Gruppierungen an sehr vielem, was zum Eingehen einer Koalition nötig ist.

Schade eigentlich, denn die Chance das KV-System zu eliminieren ist derzeit so gut wie noch nie. Glücklicherweise scheinen BHÄV und MEDI/HÄV aber bereits in einer so starken Position zu sein, dass sie auf Juniorpartner nicht mehr angewiesen sind. Rational handelnde Gruppierungen würden daraus sofort ihre Schlüsse ziehen und sich erst recht um eine Kooperation bemühen. Denn besser einige Akzente setzen zu können als null Einfluss zu haben. Ärzte finden in der Situation dagegen ihren speziellen Weg.


www.brain2doc.de am 15. August 2010