Die Überschrift hätte auch lauten können „Mit diesen Ärzten haben Ärztefunktionäre schon verloren, bevor sie überhaupt angefangen haben“. Kann der heutige Zustand nicht geändert werden, ist eine Prognose der weiteren Entwicklung einfach: Es wird noch schlimmer kommen als es heute schon ist.
Um als Ärztefunktionär etwas erreichen zu können, benötige ich Ärzte „die hinter mir stehen“. Der ökonomische Begriff dazu lautet „Marktmacht haben“. Und genau dazu kommt es in der nächsten Zeit bei Ärzten (noch) nicht. Die Ärzte sind nicht nur nicht willens, als Anbieter von ärztlichen Dienstleistungen Marktmacht aufbauen oder gar einsetzen zu wollen, sie unterlaufen bewusst oder unbewusst alles, was der Ärzteschaft Marktmacht bescheren würde. [Eine ausführliche Erläuterung inkl. Beispiel wird weiter unten vorgestellt.] Wenn sich die Anbieter auf einem Markt irrational verhalten, dann kann das Ergebnis des Marktprozesses nicht ein „angemessener Preis“ für die Dienstleistung sein. Angemessene Bezahlung der eigenen Arbeit und irrationales Verhalten als Dienstleiser sind nun mal nicht kompatibel. Diese Lektion werden viele Ärzte noch zu lernen haben.
Auslöser dieses Marktversagens, also die tatsächlichen Preise liegen weit vom Gleichgewichtspreis entfernt, ist die Ärzteschaft selbst. Die derzeit zu beobachtenden Auswirkungen dieses Marktversagens sind die unzureichenden Honorare für ärztliche Leistungen. Langfristig führt dieses Marktversagen dazu, dass das Angebot an ärztlichen Leistungen stark zurückgehen wird, Stichwort Ärztemangel. Während heute die Ärzte für das von ihnen selbst verschuldete Marktversagen die Zeche zahlen, werden es längerfristig die Patienten sein, die die Folgen des Marktversagens der Ärzteschaft zu tragen haben werden.
Weil ärztliche Leistung heute zu unangemessen niedrigen Preisen angeboten wird, was Patienten, Politiker und Kassen (allerdings nur kurzfristig) freut, haben die Ärzte ein Problem: Zu wenig Honorar. Unzureichendes Honorar ist die Hauptursache für den Ärztemangel, der mittlerweile nicht nur nicht mehr zu leugnen sondern auch in einigen Köpfen angekommen ist.
Auf Grund der sehr langen Reaktionszeiten wird der Ärztemangel in den nächsten Jahren selbst dann noch zunehmen, wenn ab sofort harte Korrekturmaßnahmen eingeleitet würden. Dann kehren sich die Verhältnisse um. Ärzten werden sogar „zu hohe“ Honorare angetragen werden, damit sie Patienten überhaupt behandeln. Die Ärzte werden sich also in der Zukunft deutlich besser stellen. Umgekehrt werden die Patienten zukünftig deutlich mehr zu zahlen haben und trotz deutlich höherer Zahlungen eine schlechtere Versorgung erfahren.
Das ist eine ganz normale Reaktion des Marktes. Denn auf Dauer kann ein Markt nicht „aus dem Gleichgewicht“ sein, es sein denn, das Produkt bzw. die Dienstleistung wäre nicht mehr nachgefragt. Bei ärztlichen Dienstleistungen ist aber nicht von einem Rückgang bis zum kompletten Entfall der Nachfrage auszugehen sondern ganz im Gegenteil: Die Nachfrage nach ärztlichen Dienstleistungen wird zunehmen, Stichworte Demographie und medizinisch-technischer Fortschritt in Kombination mit der steigenden Wohlfahrt im Staate.
Je länger sich die Ärzteschaft irrational verhält, desto höher wird der Preis, sowohl in Euro als auch in Form von Wartezeiten oder Rationierungen, für ärztliche Leistungen werden. So pervers es klingen mag: Die in der Ärzteschaft weit verbreitete Haltung „ich kann doch meine Patienten für die Honorarpolitik von Kassen und KVen nicht leiden lassen“ beschert den heutigen Patienten eine hervorragende medizinische Versorgung zu einem Dumpingpreis. Und genau diese Haltung wird der nächsten Generation von Patienten eine deutlich schlechtere medizinische Versorgung zu sehr viel höheren Preisen bescheren. Den heutigen Rentnern lassen die Ärzte eine gute Versorgung zukommen. Sobald die heutigen Ärzte selbst in Rente gehen, werden sie selbst mit einer deutlich schlechteren Versorgung für ihr früheres, irrationales Verhalten bestraft werden.
Selbst viel gearbeitet und wenig Honorar bekommen, aber die Patienten sind gut versorgt gewesen. Als Rentner ohne finanzielle Rücklagen muss der Arzt dann für seine eigene medizinische Versorgung tief in eine Tasche greifen, die er während seiner aktiven Zeit nicht angemessen gefüllt hatte. So bestraft ihn der Markt für sein irrationales Verhalten gleich zweimal.
Weder zentrale Planer in einer Planwirtschaft noch irrationale Marktteilnehmer in einer Marktwirtschaft sind in der Lage, auf Dauer eine optimale Preis-Leistungs-Kombination an Dienstleistungen sicher zu stellen. Die Idee der Planwirtschaft ist nach vielen Experimenten mittlerweile weltweit als gescheitert zu betrachten, das haben selbst schon notorische Querulanten eingesehen. Auch das nicht rationale Verhalten der Ärzte wird am Ende zum Gegenteil dessen führen, was die Ärzte derzeit für gut und richtig befinden – zumindest wenn man sich ihre Taten bzw. ausbleibenden Reaktionen anschaut. Von der Einsicht in diese Erkenntnis ist die Mehrheit der Ärzte noch weit entfernt, trotzdem ist der banale ökonomische Zusammenhang: Je länger ein Markt auf Grund des irrationalen Verhaltens einer Marktseite außerhalb des natürlichen Gleichgewichts von Angebot und Nachfrage gehalten wird, desto heftiger müssen später die Anpassungsreaktionen ausfallen. Anpassungsreaktionen bedeutet auf dem Markt für ärztliche Dienstleistung nichts anderes als Preiserhöhungen.
Irrationales Verhalten am Beispiel der Augenärzte – Stand April 2010
Ein (Privat-)Patient möchte zum Augenarzt - eine wahre Geschichte, die mir vor ein paar Tagen angetragen wurde: Seine Brille ist zerbrochen und eine Glaukomfrüherkennungsuntersuchung ist angesagt. Ein Anruf bei der ersten augenärztlichen Praxis ergibt: Sie waren noch kein Patient – ich kann ihnen keinen Termin geben – selbst unsere Stammpatienten müssen derzeit vier Monate warten – Notfälle ausgenommen – es geht wirklich nicht - Ende des Gesprächs.
Der Anruf bei der zweiten augenärztlichen Praxis war eine fast wortgleiche Wiederholung aus der ersten Praxis. Lediglich mit dem Zusatz versehen „mehr als arbeiten kann unsere Ärztin auch nicht“. Auch hier vier Monate Wartezeit. Zum Schluss noch die dritte und letzte Praxis vor Ort, die die ersten beiden Aussagen bestätigte.
So weit so schlecht. Dass es in diesen Praxen offensichtlich ohne jegliche Bedeutung ist, ob ein Patient ein Privatpatient ist oder nicht, zeugt von fehlendem betriebswirtschaftlichen Knowhow bzw. Bewusstsein in den Praxen. Dass die Mitarbeiterinnen den Wunsch des Anrufers nach einem Brillenrezept (keine Kassenleistung) und einer Glaukomfrüherkennung (keine Kassenleistung) nicht als Aufforderung verstanden haben, dem Patienten einen Termin in der Selbstzahlersprechstunde anzubieten, wäre nur aus einem Grunde nachvollziehbar. In diesen Praxen gibt es keine Selbstzahlersprechstunden. Sowohl Brillenrezept als auch Glaukomfrüherkennung werden offensichtlich in diesen Praxen „auf Kasse“ erbracht.
Wenn Augenärzte ihre Kapazitäten (= Sprechstunde) mit Kassenpatienten (Umsatz pro Quartal 16 – 19 Euro) so auslasten, dass sie einem Privatpatienten (Umsatz beim Erstbesuch ca. 80 Euro) keinen zeitnahen Termin geben können, dann spielt für Augenärzte Geld keine Rolle. Geld spielt aber nur dann keine Rolle, wenn man genug davon hat. Hätten die Augenärzte genug Geld, wieso beklagen sie sich dann über eine unzureichende Honorierung bei Kassenpatienten?
Die Augenärzte hätten es selbst in der Hand, etwas zum Besseren zu wenden. Im ersten Schritt wird innerhalb der Kapazität der Sprechstunde ein bestimmtes Fenster für Privatpatienten freigehalten. Das Ziel ist, dass ein Privatpatient immer auch kurzfristig einen Termin bekommt. Reicht das Zeitfenster nicht aus, weil zu viele Privatpatienten nachfragen, wird das Zeitfenster ausgedehnt.
Die Konsequenz der Vorgehensweise: Das Zeitfenster für die Kassensprechstunde wird reduziert. In der Folge steigen die Wartezeiten von bisher vier Monate auf zukünftig sechs Monate an.
Im zweiten Schritt, der am besten parallel zum ersten Schritt erfolgt, wird all den Patienten, die Leistungen außerhalb des Leistungskataloges des EBM nachfragen, gesagt, dass dies „nicht auf Kasse“ geht. Das sind Leistungen, die der Patient selbst zu zahlen hat. Neben Bescheinigungen beispielsweise zum Tauchen oder Autofahren zählen zu solchen Leistungen auch das Brillenrezept und die Untersuchung zur Glaukomfrüherkennung. Wird neben dem Zeitfenster für Privatpatienten noch ein zweites Zeitfenster für Selbstzahlerleistungen eingerichtet, reduziert sich die Kassensprechstunde noch weiter. Demzufolge nehmen die Wartezeiten auf einen Termin weiter zu.
All das wäre rational. Der Arzt arbeitet nach bestimmten Prioritäten. Zuerst erbringt er Leistungen, bei denen er auch noch eine „positiven Deckungsbeitrag erwirtschaftet“ (vulgo: Geld verdient), dann kommen Leistungen, bei denen er zumindest kein Geld drauf legt und zum Schluss kommen dann (vielleicht) noch Leistungen, bei denen er einen negativen Deckungsbeitrag erwirtschaftet bzw. Geld verliert.
Es so zu handhaben, wie das die drei Augenärzte in der Stadt mit 30.000 Einwohnern (und entsprechendem Umland) gemacht haben, ist dagegen nicht rational. Ihr irrationales Verhalten führt dazu, dass der gesamte Markt für ärztliche Dienstleistungen nicht so funktionieren kann wie er funktionieren müsste, um dauerhaft eine optimale Leistungsmenge zu optimalen Preisen zu haben.
Die Ärzteschaft versagt individuell im Kleinen. Wie sollen Vertreter der Ärzteschaft „im Großen“ eine Verbesserung für die Ärzteschaft erzielen, wenn die Mitglieder individuell nicht gewillt sind, sich rational zu verhalten? Würden alle Augenärzte rational handeln und ihre Sprechzeiten entsprechend optimieren, die Vertreter der Augenärzte hätten sofort Markmacht. Würden alle Ärzte rational handeln, die Vertreter der Ärzteschaft hätten sofort Marktmacht. Je homogener und geschlossener die Ärzteschaft dabei auftreten würde desto mehr würde die Marktmacht der Ärztevertreter zunehmen.
Sieht man sich hingegen die Zufallsstichprobe der Augenärzte an, stellt sich die Frage nach der Marktmacht der Ärzteschaft nicht wirklich. Dass es Organisationen wie MEDI und der HÄV überhaupt geschafft haben, trotz des weit verbreiteten Marktversagens innerhalb der Ärzteschaft wenigstens in Teilen Marktmacht aufzubauen, grenzt schon fast an ein Wunder.
www.brain2doc.de am 18. April 2010